Neulich beim Bewerbungsgespräch: Ich hatte mich bei dieser Agentur beworben, die so hip war, dass alles an ihr schon ein wenig übertrieben wirkte. Mein Termin fand mit dem Geschäftsführer, dem stylishsten Schluffi, den ich seit langem gesehen habe, einer sehr sympathisch wirkenden Mitarbeiterin aus dem Bereich PR und der Personalerin Frau K. statt. Ich wähle hier das bewusst distanzierende "Sie", auch wenn in Agenturen wie diesen ohnehin alles geduzt wird, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Denn FRAU K. halte ich mir noch eher vom Hals als S..
Wir saßen kaum, schon fiel die erste, entscheidende Frage. FRAU K. wollte wissen, ob ich nach meinem Weggang von meinem letzten Arbeitgeber denn einen Aufhebungsvertrag unterschrieben hätte. Ich verneinte und wies sie auf die Nachteile, die das für mich bedeutet hätte, hin. Das Gespräch entsponn sich weiter und nahm an Fahrt auf.
FRAU K. sass zu meiner rechten, trug ihr dunkelblondes Haar lang einen braunen, modisch geschnittenen Pullover, farblich passende Stiefel und eine helle, eng anliegende Jeans. Sie ist ungefähr einen halben Kopf kleiner als ich und war ständig um den Eindruck penetranter Professionalität bemüht. Vermutlich war mein Anfangs-Schwinger mit dem Aufhebungsvertrag schon zu viel für sie. Denn FRAU K. holte bald zum entscheidenden Vernichtungsschlag aus. Sie holte Luft und im Nachhinein kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, etwas gepresstes in ihrer Stimme gehört zu haben: "Jetzt stellen Sie sich mal vor, Frau M. ..." Gott sei Dank siezte mich FRAU K. auch, "... sie bekommen von der Firma ein Budget von 3.000 Euro ...." Alles klar, sie will, dass ich ein kleines Event plane! Kann FRAU K. haben! , "... und müssten sich für ein Abendevent mit einem Kunden einkleiden. Welche Marken würden Sie wählen und was würde es kosten?" Ich sass da, hatte keine 300 Euro am Leib und war platt. Die Agentur betreute weder Kunden aus dem Haute Couture-Bereich noch musste man bei ihr andere Vorkenntnisse in Sachen Mode haben. Wenn sie meine Markenaffinität dort testen wollten, habe ich gut abgeschnitten, aber woher zum Teufel soll ich wissen, was die einzelnen Marken kosten, FRAU K.?
Mein restlicher Text trug mich mit Lichtgeschwindigkeit aus der Umlaufbahn von FRAU K., dieser Agentur und einer Festanstellung dort. Drei Fragen später wollten sie mein ohnehin schon bescheiden angesetztes Jahresgehalt drücken. Gott sei Dank hatte ich die Geistesgegenwart besessen und "Dann könnte ich mir aber die Schuhe von meinem Outfit-Vorschlag nicht leisten!" nachzumaulen. Daheim angekommen habe ich gesehen, dass FRAU K. mir um 11:25 Uhr eine Absage gemailt hat. Das Gespräch selbst mit der 3.000 Euro-Frage fand um 14:00 Uhr statt.
Nach solchen erniedrigenden Erlebnissen habe ich immer erstmal das dringende Bedürfnis, in das Lager eines Verlages einzubrechen und den letzten Bestand dieser unsäglichen Bewerbungsratgeber ("In drei Schritten zum Traumjob", "So klappt es mit der Karriere" oder ähnliche, wirklich existierende Titel; die beiden hier hab ich nämlich gerade erfunden) mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Liebe Personalverantwortliche, das geht zu weit! Vor Jahren wurde mir mal eine Bewerbung mit den Worten "Sehr geehrter Herr M., nach gründlicher Prüfung ihrer Bewerbungsunterlagen ..." zurückgeschickt. Damals trug ich die Haare zwar noch etwas kürzer als heute, war aber trotzdem schon FRAU M. und auch als solche eindeutig zu erkennen. Bis heute ist diese ungewollte Geschlechtsumwandlung mein persönlicher Platz 1 bei den erniedrigendsten Erlebnissen rund um die Jobsuche. FRAU K. und ihre Escort-Service Ausstattung für 3.000 Euro haben es aus dem Stand in die Top 3 geschafft. Herzlichen Glückwunsch, Schätzchen!
Warum schreibe ich das hier eigentlich alles nieder? Warum begnüge ich mich nicht mit der Möglichkeit, allen übellaunig von meinen Erlebnissen zu erzählen oder alles bei Facebook zu posten? Nun ja, weil ich es KANN. So, Schluss, aus, basta! Ich habe hier nämlich den Ehrgeiz, diesen Blog völlig subjektiv mit meinen Erlebnissen rund um meine Jobsuche zu füllen. Sperrig, ehrlich, so wie mir der Schnabel gewachsen ist.
Ursprünglich sollte dieser Blog ja meine Erlebnisse als Berufs-Pendlerin wiedergeben. Zwei Jahre lang starb ich fast vor Langeweile in meinem Job, musste mich bemühen, alle anstehenden Aufgaben für eine Arbeitswoche nicht schon mittwochs erledigt zu haben und brauchte dringend eine Möglichkeit, um meine Energien sinnvoll loszuwerden, sonst wäre ich wahrscheinlich geplatzt. Weil ich die neu enstehenden und heiß diskutierten Möglichkeiten eines Blogs ausprobieren wollte, entschloss ich mich als anonyme Pendlerin meine Beobachtungen ins Netz zu stellen, wie auch in einigen Fällen hier realisiert. Tja, und dann gab mein Ex-(Danke, Schicksal!) Chef meinem Blog-Vorhaben einen dramaturgisch höchst interessanten Twist, den ich in Folge 1 versucht habe, darzustellen.
Ich nutze die mir zu meiner Verfügung stehende Zeit gerade auch unter anderem, um mich beruflich fortzubilden. In einem meiner Lehrbücher, die ich mir zu diesem Zweck gekauft hatte, stand, dass Blogs heutzutage viel mehr Informations- und Ratgeber- als Tagebuch- und Erlebnischarakter haben sollen. Hm, Mist! Meine eigentliche Intention, mich hier zu verewigen, entsprang nämlich auch im Grunde meiner gesunden Portion literarischen Größenwahns. Was soll´s? Ich mach hier trotzdem weiter ...
Freitag, 10. September 2010
Montag, 2. August 2010
Die spätrömische Dekadenz ist tot
Immer wenn ich Archäologen kennen lerne, geht für mich ein kleines bisschen die Sonne auf. Ich kenne zwar nicht wirklich genug, um repräsentative Aussagen über diesen Berufsstand zu treffen, aber meine drei Referenz-Personen strahlen eine besondere Aura aus: Gebildet, belesen und herrlich un-trendy. Wenn andere sich Sorgen machen, dass sie mit Album-Downloads von Janellé Monaé im Auge des künstlich hochgejubelten Beliebigkeits-Massengeschmacks sind, gehen sie zu Händel-Festspielen. Während rund 90 % der deutschen Bevölkerung ihrer Nationalmannschaft in Südafrika stammesgleich bemalt und Vuvuzela-trötend beisteht, freuen sie sich darüber, wie ruhig es auf den Straßen ist und enttarnen sich wenig später durch selbstbewußt hervorgebrachte Kommentare, wie herzlich wenig sie von Fußball verstehen. Schnurz! Egal! Jacke wie Hose! Die dürfen das! Denn zu unzähligen Gelegenheiten haben die drei Referenz-Archäologen es schon großartig verstanden, ebenso großartige nahe- wie auch etwas ferner liegende Erkenntnisse zu verschaffen.
M. arbeitet gerade in Ägypten bei einer Ausgrabung mit und ist in unregelmäßigen Abständen hier in München. Er ist einige Jahre jünger als ich und strahlt trotzdem schon jetzt die ruhige Weisheit seines Berufsstandes aus. Wenn andere laut diskutierend gerade die Gruppenmeinung zum besten zu geben glauben oder besonders witzig und unterhaltsam sein wollen, habe ich M. schon oft dabei beobachtet, wie er die Disputanten einfach nur anguckt und mir vorgestellt, wie er sich in seinem geistigen Auge ein Gesamtbild von uns anfertigt, das, dem Da Vinci Fresko vom letzten Abendmahl nicht unähnlich, auf seine Art für die Ewigkeit Bestand haben soll. Manchmal platziert M. Wortmeldungen und die sind immer besonnen und wohlüberlegt. So zum Beispiel neulich, als wir hochemotional erst das fatale Volksbegehren zum Zigarettenrauch in öffentlichen Räumen erörterten und dann zu den Verfehlungen der Bundespolitik im Einzelnen kamen. Leider kommt man dabei nicht am amtierenden Außenminister vorbei, der die Würde seines Amtes komplett ignorierend, vor einiger Zeit mit dem entsetzlichen Ausspruch von der "spätrömischen Dekadenz" sich ins kollektive Gedächtnis gedrängt hat. M. repetierte daraufhin das, was wir alle schon in Geschichte gelernt, aber längst wieder vergessen hatten: In der spätrömischen Periode war das Christentum schon so weit im Römischen Reich verbreitet, dass von Dekadenz längst keine Rede mehr sein konnnte.
Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich mir hier noch mal die populistische Annahme des Herrn Westerwelle zur Brust nehmen und für alle, die es noch nicht selbst erfahren haben, den Umgang eines frisch gebackenen Arbeitslosen mit der eigenen finanziellen Situation so gut es mir möglich ist, beschreiben. Ich schränke deshalb meine Aussage ein, weil ich keine Kinder habe, keine langfristigen finanziellen Verpflichtungen wie Wohneigentum oder ähnliches zu bedienen habe, und ich im Vergleich zu vielen anderen Arbeitslosen früher wirklich gut verdient habe.
Am schlimmsten ist der Anfang. Ich hatte mein letztes Gehalt bezogen und wußte ungefähr sechs Wochen nicht, woher mein nächstes Geld kommen sollte. Wer wie ich auf Wiedereinstellung klagt, ist juristisch gesehen noch nicht ganz arbeitslos. Am Tag, als ich die Kündigung in der Hand hielt, musste ich mich trotzdem bei der Agentur für Arbeit melden und ein Prozess lief an, der mir eine Frist setzte, bis zu der mein Arbeitgeber die so genannte Arbeitsbescheinigung ausgefüllt an die Agentur für Arbeit übermittelt haben sollte. Tja, und mein Arbeitgeber ließ diese Frist erst mal prompt verstreichen. Ich selbst strich einstweilen meine Ausgaben rigoros zusammen:
Laufende Versicherungen kann man gewissermaßen einfrieren, Verträge kann man kündigen, Haushaltsgeld kann sehr stark gestreckt werden, doch irgendwann kam ich an den Punkt, wo es begann, wehzutun: Ich hatte mir bisher, egal wie meine finanzielle Situation war, immer die Mitgliedschaft für ein Fitness-Studio und ein Abonnement der Zeitschrift SPIEGEL geleistet. Mit einem Kloß im Hals entschloss ich mich, den Hamburgern meine Gefolgschaft aufzukündigen und beendete einen Vertrag, der schon seit meinem Grundstudium lief. (Den Vertrag für das Fitness-Studio ließ ich weiterlaufen, schließlich liegt dort unter anderem DER SPIEGEL aus). Ich ass nicht mehr auswärts, beim wenigen Weggehen gab´s nur noch hin und wieder ein Bier und wehmütig verkniff ich mir mein heißgeliebtes Kino.
Wie bereits mehrfach betont, sind meine Fragen hier echte Luxus-Probleme. Trotzdem ist es mir wichtig, an diesen Beispielen zu vermitteln, vor welchen finanziellen Fragen man auch als gut ausgebildete Fachkraft ohne Kinder und laufender Hypothek steht. Den Gürtel enger schnallen an sich ist für mich kein Problem, mein SPIEGEL-Abo zu kündigen, das mich so lange Jahre begleitet hatte, war machbar, aber schön ist echt anders, Herr Westerwelle! Und wenn mich Lusche schon mein SPIEGEL-Abo Herzblut kostet, wieviel Respekt muss man dann eigentlich zum Beispiel vor vielen alleinerziehenden Müttern auf Hartz IV haben, die es auch irgendwie schaffen, durch den Tag zu kommen? Vielleicht gibt´s ja irgendwo noch einen geheimen Sonderetat in der Schatulle des Guido W., denn ein solcher populistischer Blödsinn sollte ihn eigentlich Wiedergutmachung kosten. Das Geld könnte man bestens zum Beispiel für bezahlbare Kinderbetreuung nutzen, um bei den alleinerziehenden Müttern zu bleiben.
Am Ende wird, wie so oft, alles doch wieder gut. Ich bekam eine Mail aus Hamburg, in der mir ein lukratives Angebot von der Abteilung Kündigungsmanagement gemacht wurde, wenn ich mich gleich für einen neuen Vertrag entscheide. Das Abo ist tot, lang lebe das Abo! Ich weiß jetzt, welche Versicherungen eigentlich unnötig sind und gekündigt werden müssen. Und dieser Blog ist die letzte offizielle Verwendung der Wörter "spätrömisch" und "Dekadenz". Der Ausspruch wird hiermit für tot erklärt (Zeitpunkt des Todes 15:18 Uhr). In den diesjährigen Jahresrückblicken darf nochmal an sie erinnert werden.
M. arbeitet gerade in Ägypten bei einer Ausgrabung mit und ist in unregelmäßigen Abständen hier in München. Er ist einige Jahre jünger als ich und strahlt trotzdem schon jetzt die ruhige Weisheit seines Berufsstandes aus. Wenn andere laut diskutierend gerade die Gruppenmeinung zum besten zu geben glauben oder besonders witzig und unterhaltsam sein wollen, habe ich M. schon oft dabei beobachtet, wie er die Disputanten einfach nur anguckt und mir vorgestellt, wie er sich in seinem geistigen Auge ein Gesamtbild von uns anfertigt, das, dem Da Vinci Fresko vom letzten Abendmahl nicht unähnlich, auf seine Art für die Ewigkeit Bestand haben soll. Manchmal platziert M. Wortmeldungen und die sind immer besonnen und wohlüberlegt. So zum Beispiel neulich, als wir hochemotional erst das fatale Volksbegehren zum Zigarettenrauch in öffentlichen Räumen erörterten und dann zu den Verfehlungen der Bundespolitik im Einzelnen kamen. Leider kommt man dabei nicht am amtierenden Außenminister vorbei, der die Würde seines Amtes komplett ignorierend, vor einiger Zeit mit dem entsetzlichen Ausspruch von der "spätrömischen Dekadenz" sich ins kollektive Gedächtnis gedrängt hat. M. repetierte daraufhin das, was wir alle schon in Geschichte gelernt, aber längst wieder vergessen hatten: In der spätrömischen Periode war das Christentum schon so weit im Römischen Reich verbreitet, dass von Dekadenz längst keine Rede mehr sein konnnte.
Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich mir hier noch mal die populistische Annahme des Herrn Westerwelle zur Brust nehmen und für alle, die es noch nicht selbst erfahren haben, den Umgang eines frisch gebackenen Arbeitslosen mit der eigenen finanziellen Situation so gut es mir möglich ist, beschreiben. Ich schränke deshalb meine Aussage ein, weil ich keine Kinder habe, keine langfristigen finanziellen Verpflichtungen wie Wohneigentum oder ähnliches zu bedienen habe, und ich im Vergleich zu vielen anderen Arbeitslosen früher wirklich gut verdient habe.
Am schlimmsten ist der Anfang. Ich hatte mein letztes Gehalt bezogen und wußte ungefähr sechs Wochen nicht, woher mein nächstes Geld kommen sollte. Wer wie ich auf Wiedereinstellung klagt, ist juristisch gesehen noch nicht ganz arbeitslos. Am Tag, als ich die Kündigung in der Hand hielt, musste ich mich trotzdem bei der Agentur für Arbeit melden und ein Prozess lief an, der mir eine Frist setzte, bis zu der mein Arbeitgeber die so genannte Arbeitsbescheinigung ausgefüllt an die Agentur für Arbeit übermittelt haben sollte. Tja, und mein Arbeitgeber ließ diese Frist erst mal prompt verstreichen. Ich selbst strich einstweilen meine Ausgaben rigoros zusammen:
Laufende Versicherungen kann man gewissermaßen einfrieren, Verträge kann man kündigen, Haushaltsgeld kann sehr stark gestreckt werden, doch irgendwann kam ich an den Punkt, wo es begann, wehzutun: Ich hatte mir bisher, egal wie meine finanzielle Situation war, immer die Mitgliedschaft für ein Fitness-Studio und ein Abonnement der Zeitschrift SPIEGEL geleistet. Mit einem Kloß im Hals entschloss ich mich, den Hamburgern meine Gefolgschaft aufzukündigen und beendete einen Vertrag, der schon seit meinem Grundstudium lief. (Den Vertrag für das Fitness-Studio ließ ich weiterlaufen, schließlich liegt dort unter anderem DER SPIEGEL aus). Ich ass nicht mehr auswärts, beim wenigen Weggehen gab´s nur noch hin und wieder ein Bier und wehmütig verkniff ich mir mein heißgeliebtes Kino.
Wie bereits mehrfach betont, sind meine Fragen hier echte Luxus-Probleme. Trotzdem ist es mir wichtig, an diesen Beispielen zu vermitteln, vor welchen finanziellen Fragen man auch als gut ausgebildete Fachkraft ohne Kinder und laufender Hypothek steht. Den Gürtel enger schnallen an sich ist für mich kein Problem, mein SPIEGEL-Abo zu kündigen, das mich so lange Jahre begleitet hatte, war machbar, aber schön ist echt anders, Herr Westerwelle! Und wenn mich Lusche schon mein SPIEGEL-Abo Herzblut kostet, wieviel Respekt muss man dann eigentlich zum Beispiel vor vielen alleinerziehenden Müttern auf Hartz IV haben, die es auch irgendwie schaffen, durch den Tag zu kommen? Vielleicht gibt´s ja irgendwo noch einen geheimen Sonderetat in der Schatulle des Guido W., denn ein solcher populistischer Blödsinn sollte ihn eigentlich Wiedergutmachung kosten. Das Geld könnte man bestens zum Beispiel für bezahlbare Kinderbetreuung nutzen, um bei den alleinerziehenden Müttern zu bleiben.
Am Ende wird, wie so oft, alles doch wieder gut. Ich bekam eine Mail aus Hamburg, in der mir ein lukratives Angebot von der Abteilung Kündigungsmanagement gemacht wurde, wenn ich mich gleich für einen neuen Vertrag entscheide. Das Abo ist tot, lang lebe das Abo! Ich weiß jetzt, welche Versicherungen eigentlich unnötig sind und gekündigt werden müssen. Und dieser Blog ist die letzte offizielle Verwendung der Wörter "spätrömisch" und "Dekadenz". Der Ausspruch wird hiermit für tot erklärt (Zeitpunkt des Todes 15:18 Uhr). In den diesjährigen Jahresrückblicken darf nochmal an sie erinnert werden.
Dienstag, 20. Juli 2010
Karma-Kant, Gerechtigkeit und andere Luxusprobleme
Doch, doch: Das Leben war eigentlich schon immer gerecht zu mir. Ich war mir dessen schon mit Eintritt in die Pubertät bewußt: Die Tatsache, dass ich innerhalb von zwei Jahren vierzig Zentimeter gewachsen war, machte mich damals Anfang der neunziger Jahre zu einem Wesen, das noch Arme und Beine sortierte, als die anderen schon mit den hübschen Jungs tanzten. Äußerst gerecht finde ich auch die Tatsache, dass meine Mutter wohl eine Affäre mit einem Yeti hatte, die sie mir bis heute verschweigt. Wie sonst ließe sich mein übernatürlich dichter Haarwuchs im Gesicht erklären, der mit viel Mühe zu etwas Augenbrauen-ähnlichen gezupft, gewaxt und gezogen wurde? Hey, ich will mich nicht beschweren, andere brauchen Augenbrauenstifte! Diese Ausgabe kann ich mir glatt sparen. Überhaupt, meine Haare: Die Exemplare, die ich auf dem Kopf habe, sind so eigenwillig, dass sie sogar einen eigenen Job haben.
Zum Stichwort Job: Ich finde es auch echt gerecht, dass ich nach dem prestigeträchtigen Studium der Politikwissenschaften einen absolut krisensicheren Job habe, der mir pro Monat Geld wie Heu einbringt. Und ich habe noch gar nicht erwähnt, dass ich mich innerhalb meiner Profession auf einen rekordverdächtig speziellen Spezialbereich spezialisiert habe, der mich zu einem hochdotierten, vielgefragten Experten macht, der ungefähr so selten anzutreffen ist wie schwule Friseure im Glockenbach-Viertel. Danke Schicksal, echt nett von Dir!
Bin ich eigentlich selbst gerecht, wenn ich hier mal ein wenig vor mich hinjammere? Gibt es in der Philosophie oder in den großen Weltreligionen Hinweise, die mich auf ewig aus der erlauchten Gruppe der Gerechten verbannen, wenn ich hier rumnöle wie ein altes Waschweib? Was ist eigentlich wirklich gerecht? Vielleicht hilft mir ja die Rekapitulation meiner eigenen Situation bei der Beantwortung der Frage.
Ende April wurde ich in das Büro des Personalchefs meines Ex-Arbeitgebers gerufen, wo mir meine schriftliche Kündigung ausgehändigt wurde. Als ich - es war gegen 10 Uhr morgens - so in diesem Erdgeschoßbüro stand, hatte ich erstens einen Mordskater, zweitens gerade eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch bekommen und drittens gelang es mir, meinen Fachabteilungsleiter während des ganzen Vorganges keines Blickes zu würdigen. Macht nach meinem Gerechtigkeitsempfinden 3:0 für mich: der Kater zeigte, dass ich noch nicht völlig vertrocknet und langweilig war, die Einladung zum Bewerbungsgespräch war für einen Abteilungsleiterposten und meinen Ex-Chef und sein seltsames Universum kann man am besten strafen, indem man es nicht beachtet.
Vielfach für ungerecht befunden wurde allerdings die Art und Weise, wie man mich aus dem Unternehmen befördert hat: keine Sozialauswahl, fadenscheinige Vorschübe in Richtung betriebsbedingter Personaleinsparung und als Krönung noch scheinheilige Auslassungen über die vermeintlich mangelhafte Qualität meiner Arbeit, die man auf Nachfrage auf meine (Zitat) "hohe Visibilität am Flur" oder auf meinen exorbitant hohen Redezeitanteil bei Meetings zurückführte. Das letzte Urteil wurde übrigens von einer Person gefällt, die sich bestens mit enorm hohen Redezeitanteilen auskennt. Ist das gerecht? Finde ich nicht. Und hier der aktuelle Zwischenstand: Ich 3, Schicksal 5! Danke! Bitte! Zur Halbzeit lag ich hinten, ich brauchte professionelle Hilfe.
In dieser Art Match kann man als Arbeitnehmer sein Team gottlob um beliebig viele Mitspieler erweitern und so wechselte ich als erstes zwei Betriebsräte ein. Herr H., ein älteres, berlinerndes Gewerkschaftsschlachtross und C., eine attraktive Mitt-Dreißigerin mit einem völlig faszinierenden Kleidungsstil übernahmen eigentlich das, was im übertragenen Sinne Trainer bei Boxkämpfen machen (und genau wie bei einem Boxkampf fühlte ich mich Ende April): Immer wenn ich in der Ecke des Ringes saß, gab´s Luft mit dem Handtuch, eine kleine Nackenmassage, einen Schluck Wasser und dann musste ich wieder zurück.
Das nächste Mal hob ich die Einwechseltafel, als R., ein Bekannter und von Beruf Anwalt, ins Match geschickt werden musste. (Und nein, ich finde es gar nicht ungerecht, dass R. wie alle anderen Vertreter seines Standes so viel Geld verdienen. Bescheiden wie ich bin, habe ich die Juristerei nur im Nebenfach studiert. Das genügte mir.) R. erhob Kündigungsschutzklage und das Match um Gerechtigkeit ging in die entscheidende Phase. Ich konnte mittlerweile wieder Boden gut machen, ich hatte, im Nachhinein betrachtet, Gleichstand erzielt. Jetzt galt es, den entscheidenden Anschlusstreffer zu machen, damit mir Gerechtigkeit wiederfahren möge.
Irgendwann im Kindergarten, vor allem wenn man wie ich in einer konfessionellen Einrichtung war, lernt man den schönen Spruch:"Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem andern zu." Jahre später diente mir dieser Sinnspruch als Eselsbrücke, um den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant zum Verständnis vorzubereiten. Übrigens störte es mich damals in der Uni nicht im geringsten, dass gerade mir die Herleitung des kategorischen Imperativs als Referatsthema aufs Auge gedrückt wurde. Wer will schon verstehen, worüber er redet? Ich in diesem Fall wollte das doch gar nicht!
Der Königsberger stellte also vor ziemlich langer Zeit die Handlungsanweisung auf: "Handle stets so, dass die Maxime deines eigenen Handelns stets zum allgemeingültigen Gesetz werden könnte." Wenn man das tut, ist man ein gerechter Mensch. Sagt Kant. Nein, es nervt mich auch nicht, dass er das so kompliziert machen musste.
Vor einigen Wochen erreichte mich ein Anruf von R.. Wir hatten eine Einigung erzielt, sein letztes Gespräch mit Vertretern meines Ex-Arbeitgebers war positiv verlaufen. Wir konnten über Flanke spielen, R. war mein Stürmer und brachte uns mit dem entscheidenden Tor in Führung. Wir hatten uns Ziele gesetzt und diese hatten wir erreichen können. Ich bin jetzt zwar meinen alten Job los, meine Kündigung habe ich mir allerdings mit R.s Hilfe großzügig entlohnen lassen. Aber ist das denn jetzt gerecht im Kantschen Sinne? Oder eher ein moralphilosophischer Phyrrus-Sieg?
Momentan muss ich mich mit Geldanlage-Strategien beschäftigen und ich tue das wirklich gerne, weil ich das für ein wundervolles Luxus-Problem meinerseits halte. Weil ich mehr dem Urteil meiner Freunde und Bekannten vertraue als bunten Werbezetteln und vollmundigen Beteuerungen von Anlageberatern, habe ich vor kurzem nacheinander alle, dessen Rat ich benötigte, per SMS um Anlageempfehlungen gebeten: "Was würdet Ihr tun, wenn Ihr Betrag X zur Verfügung hättet und ihn anlegen könntet?" schickte ich in die Runde. Die originellste, witzigste und ehrlichste Antwort bei der aktuellen Zinslage kam von A.:"Ein neues ibook und vier Wochen Australien". Schmunzelnd las ich die SMS und mir wurde klar: Meine eigene Gerechtigkeitstheorie trifft in diesem Fall wohl am meisten zu: Wer selbst im Kantschen Sinne ein gerechter Mensch ist bekommt gutes Karma, wozu ich gute Freunde mit aufmunternden Mobilfunkbotschaften definitiv zählen möchte. Diejenigen, die Karma-Kant nicht ernst nehmen, wird irgendwann ihr gerechtes Schicksal ereilen. Und nein, es stört mich wirklich nicht, dass man sich dafür in Geduld üben muss.
Zum Stichwort Job: Ich finde es auch echt gerecht, dass ich nach dem prestigeträchtigen Studium der Politikwissenschaften einen absolut krisensicheren Job habe, der mir pro Monat Geld wie Heu einbringt. Und ich habe noch gar nicht erwähnt, dass ich mich innerhalb meiner Profession auf einen rekordverdächtig speziellen Spezialbereich spezialisiert habe, der mich zu einem hochdotierten, vielgefragten Experten macht, der ungefähr so selten anzutreffen ist wie schwule Friseure im Glockenbach-Viertel. Danke Schicksal, echt nett von Dir!
Bin ich eigentlich selbst gerecht, wenn ich hier mal ein wenig vor mich hinjammere? Gibt es in der Philosophie oder in den großen Weltreligionen Hinweise, die mich auf ewig aus der erlauchten Gruppe der Gerechten verbannen, wenn ich hier rumnöle wie ein altes Waschweib? Was ist eigentlich wirklich gerecht? Vielleicht hilft mir ja die Rekapitulation meiner eigenen Situation bei der Beantwortung der Frage.
Ende April wurde ich in das Büro des Personalchefs meines Ex-Arbeitgebers gerufen, wo mir meine schriftliche Kündigung ausgehändigt wurde. Als ich - es war gegen 10 Uhr morgens - so in diesem Erdgeschoßbüro stand, hatte ich erstens einen Mordskater, zweitens gerade eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch bekommen und drittens gelang es mir, meinen Fachabteilungsleiter während des ganzen Vorganges keines Blickes zu würdigen. Macht nach meinem Gerechtigkeitsempfinden 3:0 für mich: der Kater zeigte, dass ich noch nicht völlig vertrocknet und langweilig war, die Einladung zum Bewerbungsgespräch war für einen Abteilungsleiterposten und meinen Ex-Chef und sein seltsames Universum kann man am besten strafen, indem man es nicht beachtet.
Vielfach für ungerecht befunden wurde allerdings die Art und Weise, wie man mich aus dem Unternehmen befördert hat: keine Sozialauswahl, fadenscheinige Vorschübe in Richtung betriebsbedingter Personaleinsparung und als Krönung noch scheinheilige Auslassungen über die vermeintlich mangelhafte Qualität meiner Arbeit, die man auf Nachfrage auf meine (Zitat) "hohe Visibilität am Flur" oder auf meinen exorbitant hohen Redezeitanteil bei Meetings zurückführte. Das letzte Urteil wurde übrigens von einer Person gefällt, die sich bestens mit enorm hohen Redezeitanteilen auskennt. Ist das gerecht? Finde ich nicht. Und hier der aktuelle Zwischenstand: Ich 3, Schicksal 5! Danke! Bitte! Zur Halbzeit lag ich hinten, ich brauchte professionelle Hilfe.
In dieser Art Match kann man als Arbeitnehmer sein Team gottlob um beliebig viele Mitspieler erweitern und so wechselte ich als erstes zwei Betriebsräte ein. Herr H., ein älteres, berlinerndes Gewerkschaftsschlachtross und C., eine attraktive Mitt-Dreißigerin mit einem völlig faszinierenden Kleidungsstil übernahmen eigentlich das, was im übertragenen Sinne Trainer bei Boxkämpfen machen (und genau wie bei einem Boxkampf fühlte ich mich Ende April): Immer wenn ich in der Ecke des Ringes saß, gab´s Luft mit dem Handtuch, eine kleine Nackenmassage, einen Schluck Wasser und dann musste ich wieder zurück.
Das nächste Mal hob ich die Einwechseltafel, als R., ein Bekannter und von Beruf Anwalt, ins Match geschickt werden musste. (Und nein, ich finde es gar nicht ungerecht, dass R. wie alle anderen Vertreter seines Standes so viel Geld verdienen. Bescheiden wie ich bin, habe ich die Juristerei nur im Nebenfach studiert. Das genügte mir.) R. erhob Kündigungsschutzklage und das Match um Gerechtigkeit ging in die entscheidende Phase. Ich konnte mittlerweile wieder Boden gut machen, ich hatte, im Nachhinein betrachtet, Gleichstand erzielt. Jetzt galt es, den entscheidenden Anschlusstreffer zu machen, damit mir Gerechtigkeit wiederfahren möge.
Irgendwann im Kindergarten, vor allem wenn man wie ich in einer konfessionellen Einrichtung war, lernt man den schönen Spruch:"Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem andern zu." Jahre später diente mir dieser Sinnspruch als Eselsbrücke, um den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant zum Verständnis vorzubereiten. Übrigens störte es mich damals in der Uni nicht im geringsten, dass gerade mir die Herleitung des kategorischen Imperativs als Referatsthema aufs Auge gedrückt wurde. Wer will schon verstehen, worüber er redet? Ich in diesem Fall wollte das doch gar nicht!
Der Königsberger stellte also vor ziemlich langer Zeit die Handlungsanweisung auf: "Handle stets so, dass die Maxime deines eigenen Handelns stets zum allgemeingültigen Gesetz werden könnte." Wenn man das tut, ist man ein gerechter Mensch. Sagt Kant. Nein, es nervt mich auch nicht, dass er das so kompliziert machen musste.
Vor einigen Wochen erreichte mich ein Anruf von R.. Wir hatten eine Einigung erzielt, sein letztes Gespräch mit Vertretern meines Ex-Arbeitgebers war positiv verlaufen. Wir konnten über Flanke spielen, R. war mein Stürmer und brachte uns mit dem entscheidenden Tor in Führung. Wir hatten uns Ziele gesetzt und diese hatten wir erreichen können. Ich bin jetzt zwar meinen alten Job los, meine Kündigung habe ich mir allerdings mit R.s Hilfe großzügig entlohnen lassen. Aber ist das denn jetzt gerecht im Kantschen Sinne? Oder eher ein moralphilosophischer Phyrrus-Sieg?
Momentan muss ich mich mit Geldanlage-Strategien beschäftigen und ich tue das wirklich gerne, weil ich das für ein wundervolles Luxus-Problem meinerseits halte. Weil ich mehr dem Urteil meiner Freunde und Bekannten vertraue als bunten Werbezetteln und vollmundigen Beteuerungen von Anlageberatern, habe ich vor kurzem nacheinander alle, dessen Rat ich benötigte, per SMS um Anlageempfehlungen gebeten: "Was würdet Ihr tun, wenn Ihr Betrag X zur Verfügung hättet und ihn anlegen könntet?" schickte ich in die Runde. Die originellste, witzigste und ehrlichste Antwort bei der aktuellen Zinslage kam von A.:"Ein neues ibook und vier Wochen Australien". Schmunzelnd las ich die SMS und mir wurde klar: Meine eigene Gerechtigkeitstheorie trifft in diesem Fall wohl am meisten zu: Wer selbst im Kantschen Sinne ein gerechter Mensch ist bekommt gutes Karma, wozu ich gute Freunde mit aufmunternden Mobilfunkbotschaften definitiv zählen möchte. Diejenigen, die Karma-Kant nicht ernst nehmen, wird irgendwann ihr gerechtes Schicksal ereilen. Und nein, es stört mich wirklich nicht, dass man sich dafür in Geduld üben muss.
Montag, 12. Juli 2010
Aus der Sonne!
Sie waren zu sechst, sie trugen Springer-Stiefel, gelbe Iros, karierte Miniröcke - Punk-Outfit total eben. Alle miteinander fläzten sich auf die Sitze in der U-Bahn, ihre Bierrülpser unterdrückten sie nicht. Der mitgebrachte Ghetto-Blaster war so laut, dass wirklich alle, auch die manchmal selig lächelnden alleinreisenden Alten im gesamten U-Bahn-Waggon etwas davon hatten.
Welche Reaktion auf ihre Mitreisenden wäre jetzt von dieser Truppe zu erwarten? Das Gehirn eines Menschen kann blitzschnell auf neue Situationen eingehen, indem es in Millisekunden die einströmenden Eindrücke mit bereits bekannten Erfahrungen vergleicht. Ich dachte also daran, gleich einen "Strassenfeger" angeboten zu bekommen - doch halt! - die Zeitschrift gibt es ja in München nicht. "Haste´n bisschen Kleingeld?" war die Mutter aller Klischee-Fragen, die ich nach abgeschlossenen Lokalisierungsgedanken ("Strassenfeger gibt´s nur in Berlin. Hier ist München") als nächstes meinen Protagonisten in den Mund geschoben hätte. Doch ich bin nicht Regisseur, sondern Chronist. Und außerdem blieb die bunte Truppe sitzen und stieg nicht am Sendlinger Tor aus, den ich für die angesagteste Schnorrer-Location halte. Weil sie so garnicht zu meinen Klischees, Vorurteilen und Annahmen passen wollten, wurden die Punks immer interessanter für mich. Ich stellte mich also in Hörweite und kam gerade recht, als ein Mädchen, das eine Hälfte ihres Kopfes vollkommen kahlrasiert und die Haare auf der anderen Seite lang trug, sagte: "Und wenn ich dann das Abi habe, kack ich denen auf den Tisch!"
Warum sie die Erlangung der Hochschulreife zu Protestzwecken nutzen wollte, die schon vor über vierzig Jahren bei Richtertischen angewendet wurden, erschloss sich mir zwar nicht direkt sofort. Allerdings beruhigte mich, dass der Spruch "Punk´s not dead, it just looks different." immer noch gilt. Exzentrik, Anderssein hat schon immer provoziert. Und obwohl wir eigentlich seit den neunziger Jahren in "Anything goes"-Zeiten leben (wie sonst hätten wir Musikrichtungen wie Eurodance ertragen?), ist vielleicht ein Punk-Mädchen mit Hochschulreife immer noch ein klein wenig Provokation. Hoffentlich schreibt sie sich nach ihrem Abitur an der Uni für Neueste Geschichte ein und promoviert über "Protestmethoden 68 - vom Terz zum Terror" oder ähnlichem. Mit einer insgeheimen Bewunderung für ihre Exzentrik stieg ich an meiner Heimathaltestelle aus dem Waggon. Auch mir fallen mindestens zwei Menschen ein, denen ich 2010 am liebsten auf den Tisch gekackt hätte. Alternativ hätte es auch ein "Halt´s Maul, Du dummes Arschloch!" in unglaublicher Lautstärke getan.
Aber ob zur Seelenreinigung oder zur Manifestation des eigenen Individualismus: Man muss weder Menschen beschimpfen noch Tische besudeln, um exzentrisch zu sein. Eine meiner Lieblingsfiguren aus der Geschichte des antiken Griechenlands, der Philosoph Diogenes von Sinope, hat das bewiesen. Dazu kann man an ihm noch einen wichtigen Zusatz nachweisen: Der Exzentrische pflegt seine Exzentrik immer aus dem tiefen Wunsch heraus, seine Umwelt nach eigenen Wünschen zu gestalten, um sich selbst treu bleiben zu können. Wie viel öffentliche Verwunderung es doch kosten möge.
Wie verschroben Diogenes wirklich war, können wir nicht mehr feststellen. Aber sein Image und die ihm zugeschriebenen Anekdoten haben die Jahrtausende überdauert. Ob mit Laterne auf dem Marktplatz oder im Zwiegespräch mit Alexander dem Großen, Diogenes zog nicht nur sein Ding durch, sondern begründete auch - quasi nebenbei - daraus eine philosophische Stilrichtung; die Kyniker. Und so tröste ich Exzentrik-Bewunderin mich mit einer ganzen Reihe von Erkenntnissen für meine aktuelle Situation, wenn mich nicht gerade die Verzweiflung aber doch die Nachdenklichkeit packt:
Erstens kann Arbeitslosigkeit Provokation sein. Ich konnte den gebremsten Menschenschlag, der immer nur Erwartungen erfüllt hat, noch nie wirklich leiden. Gerade bei ihnen findet man aber viele Exemplare, die es beruflich weit gebracht haben. Wie viel Freude es mir macht, solchen Leuten auf die Frage "Und, was machst Du so beruflich?" "Ich? Nix." zu antworten, kann man sich vorstellen. Die ratlosen Gesichter danach sind ein einziger Genuss.
Zweitens ermahnt Arbeitslosigkeit zu Bedürfnislosigkeit und Autarkie. ALG I, wie es so schön im Beamtendeutsch heißt, bezieht man für ein Kalenderjahr. Spätestens dann muss man seine eigenen Dinge geregelt haben. Und die Tatsache, dass man eben nicht seinen vollen, letzten Lohn bezieht, erzieht zu Bedürfnislosigkeit oder viel eher zu einem gesunden Maß von Wünschen und Warten. Denn meine jetzigen Bezüge sind so hoch wie der HartzIV-Regelsatz für eine vierköpfige Familie - warum sollte ich mich dann beschweren? Bleibt noch die freie Rede und der Kosmopolitismus für die Vervollkommnung der Ideale des Diogenes. Beide Punkte kann ich auch erfüllen: Gestern habe ich als EU-Bürgerin und Kosmopolitin der spanischen Fußball-Nationalmannschaft die Daumen gedrückt, obwohl sie das deutsche Team besiegt haben. Und die freie Rede konnte ich erst vor einigen Wochen in einem Rhetorikkurs üben. Genug gesagt, jetzt geht mir bitte ein wenig aus der Sonne!
Welche Reaktion auf ihre Mitreisenden wäre jetzt von dieser Truppe zu erwarten? Das Gehirn eines Menschen kann blitzschnell auf neue Situationen eingehen, indem es in Millisekunden die einströmenden Eindrücke mit bereits bekannten Erfahrungen vergleicht. Ich dachte also daran, gleich einen "Strassenfeger" angeboten zu bekommen - doch halt! - die Zeitschrift gibt es ja in München nicht. "Haste´n bisschen Kleingeld?" war die Mutter aller Klischee-Fragen, die ich nach abgeschlossenen Lokalisierungsgedanken ("Strassenfeger gibt´s nur in Berlin. Hier ist München") als nächstes meinen Protagonisten in den Mund geschoben hätte. Doch ich bin nicht Regisseur, sondern Chronist. Und außerdem blieb die bunte Truppe sitzen und stieg nicht am Sendlinger Tor aus, den ich für die angesagteste Schnorrer-Location halte. Weil sie so garnicht zu meinen Klischees, Vorurteilen und Annahmen passen wollten, wurden die Punks immer interessanter für mich. Ich stellte mich also in Hörweite und kam gerade recht, als ein Mädchen, das eine Hälfte ihres Kopfes vollkommen kahlrasiert und die Haare auf der anderen Seite lang trug, sagte: "Und wenn ich dann das Abi habe, kack ich denen auf den Tisch!"
Warum sie die Erlangung der Hochschulreife zu Protestzwecken nutzen wollte, die schon vor über vierzig Jahren bei Richtertischen angewendet wurden, erschloss sich mir zwar nicht direkt sofort. Allerdings beruhigte mich, dass der Spruch "Punk´s not dead, it just looks different." immer noch gilt. Exzentrik, Anderssein hat schon immer provoziert. Und obwohl wir eigentlich seit den neunziger Jahren in "Anything goes"-Zeiten leben (wie sonst hätten wir Musikrichtungen wie Eurodance ertragen?), ist vielleicht ein Punk-Mädchen mit Hochschulreife immer noch ein klein wenig Provokation. Hoffentlich schreibt sie sich nach ihrem Abitur an der Uni für Neueste Geschichte ein und promoviert über "Protestmethoden 68 - vom Terz zum Terror" oder ähnlichem. Mit einer insgeheimen Bewunderung für ihre Exzentrik stieg ich an meiner Heimathaltestelle aus dem Waggon. Auch mir fallen mindestens zwei Menschen ein, denen ich 2010 am liebsten auf den Tisch gekackt hätte. Alternativ hätte es auch ein "Halt´s Maul, Du dummes Arschloch!" in unglaublicher Lautstärke getan.
Aber ob zur Seelenreinigung oder zur Manifestation des eigenen Individualismus: Man muss weder Menschen beschimpfen noch Tische besudeln, um exzentrisch zu sein. Eine meiner Lieblingsfiguren aus der Geschichte des antiken Griechenlands, der Philosoph Diogenes von Sinope, hat das bewiesen. Dazu kann man an ihm noch einen wichtigen Zusatz nachweisen: Der Exzentrische pflegt seine Exzentrik immer aus dem tiefen Wunsch heraus, seine Umwelt nach eigenen Wünschen zu gestalten, um sich selbst treu bleiben zu können. Wie viel öffentliche Verwunderung es doch kosten möge.
Wie verschroben Diogenes wirklich war, können wir nicht mehr feststellen. Aber sein Image und die ihm zugeschriebenen Anekdoten haben die Jahrtausende überdauert. Ob mit Laterne auf dem Marktplatz oder im Zwiegespräch mit Alexander dem Großen, Diogenes zog nicht nur sein Ding durch, sondern begründete auch - quasi nebenbei - daraus eine philosophische Stilrichtung; die Kyniker. Und so tröste ich Exzentrik-Bewunderin mich mit einer ganzen Reihe von Erkenntnissen für meine aktuelle Situation, wenn mich nicht gerade die Verzweiflung aber doch die Nachdenklichkeit packt:
Erstens kann Arbeitslosigkeit Provokation sein. Ich konnte den gebremsten Menschenschlag, der immer nur Erwartungen erfüllt hat, noch nie wirklich leiden. Gerade bei ihnen findet man aber viele Exemplare, die es beruflich weit gebracht haben. Wie viel Freude es mir macht, solchen Leuten auf die Frage "Und, was machst Du so beruflich?" "Ich? Nix." zu antworten, kann man sich vorstellen. Die ratlosen Gesichter danach sind ein einziger Genuss.
Zweitens ermahnt Arbeitslosigkeit zu Bedürfnislosigkeit und Autarkie. ALG I, wie es so schön im Beamtendeutsch heißt, bezieht man für ein Kalenderjahr. Spätestens dann muss man seine eigenen Dinge geregelt haben. Und die Tatsache, dass man eben nicht seinen vollen, letzten Lohn bezieht, erzieht zu Bedürfnislosigkeit oder viel eher zu einem gesunden Maß von Wünschen und Warten. Denn meine jetzigen Bezüge sind so hoch wie der HartzIV-Regelsatz für eine vierköpfige Familie - warum sollte ich mich dann beschweren? Bleibt noch die freie Rede und der Kosmopolitismus für die Vervollkommnung der Ideale des Diogenes. Beide Punkte kann ich auch erfüllen: Gestern habe ich als EU-Bürgerin und Kosmopolitin der spanischen Fußball-Nationalmannschaft die Daumen gedrückt, obwohl sie das deutsche Team besiegt haben. Und die freie Rede konnte ich erst vor einigen Wochen in einem Rhetorikkurs üben. Genug gesagt, jetzt geht mir bitte ein wenig aus der Sonne!
Donnerstag, 8. Juli 2010
Aristoteles, es reicht langsam!
Alle großen Weltreligionen wollen uns auf ihre Art ihr Konzept vom großen Glück erklären. Der Christenmensch findet sein Glück, indem er sich an der Selbstlosigkeit Jesu Christi orientiert. Der ernsthafte Buddhist nimmt das mit der -losigkeit gleich auf mehrfache Weise ernst und bringt uns zum Beispiel Emotions- und Bedürfnislosigkeit nahe. Laut Aristoteles, um jetzt mal zu den Philosophen zu schwenken, liegt das Glück des Menschen nicht in der Erfüllung seiner inneren und äußeren Bedürfnisse, sondern in der möglichst korrekten Ausübung einer praktischen oder theoretischen Vernunftstätigkeit eingebettet in seine Menschengemeinschaft. Er hat also ziemlich gut erklärt, warum es Menschen in wohlhabenden Konsumgesellschaften schlecht gehen kann; wenn jemand reich ist und trotzdem kreuzunglücklich.
Mein Aristoteles stört seit heute mittag mal wieder meinen persönlichen Buddha bei der Erlangung allumfassender -losigkeit. Ich wollte dieses besondere Ziel heute mal anpacken und mit Bewegungslosigkeit auf dem Liegestuhl anfangen. Immerhin habe ich zwei Stunden durchgehalten, die aber für den indischen Religions-Prinzen wahrscheinlich nicht zählen, denn ich hörte Musik und las die Zeitschrift NEON. Das Wetter war herrlich. Der alte Grieche zwang mich dazu, wenigstens die Wohnung zu staubsaugen. In einer halben Stunde gehe ich mit Ari, wie ich ihn manchmal nennen darf, einkaufen. Mein rechtes Knie schmerzt, weil ich Aristoteles zuliebe es für praktische Vernunftstätigkeit gehalten habe, so lange zu trainieren, bis ich 10 km in angemessener Zeit laufe. Die Liste der theoretischen Tätigkeiten wird auch immer länger: bezahlbare Fortbildungen suchen, Steuererklärung für 2009 machen, Bewerbungen schreiben, meine Fremdsprachenkenntnisse aufpolieren und, und, und. Wenn ich ehrlich bin, schaffe ich es nie ganz, ihm meinen ganzen Widerstand entgegen zu setzen. Auch wenn ich, seit ich denken kann, bisher schon ganz viel versucht habe.
Nach dem Abitur haben viele meiner Klassenkameraden erstmal den Sommer genossen. Ich habe beinahe ohne Übergang mein erstes Praktikum in einer Zeitschriftenredaktion absolviert. In den Semesterferien habe ich gearbeitet. Nach meinem Uni-Abschluss hatte ich mal für ungefähr sechs Woche weder Beschäftigung noch irgendeine Perspektive. Den depressiven Schub konnte ich ohne schwere Medikamente in den Griff bekommen. Als der Wechsel zwischen meinem vorletzten und meinem letzten Arbeitgeber anstand, habe ich mir meinen Resturlaub auszahlen lassen und bin übergangslos in die neue Firma gewechselt. Aristoteles, jetzt mal ehrlich: Es reicht langsam! Meine Arbeits-Losigkeit sichert mir meine existentiellen Grundbedürfnisse. Ich habe die Zeit, auch mal für eine Stunde länger als ursprünglich geplant, ein Buch zu lesen. Ich könnte mir die freie Zeit wirklich sehr angenehm gestalten. Stattdessen gebe ich ihm viel zu leicht nach. Denn auch wenn mir schwer fällt, das jetzt zu schreiben: Der Alte hat leider Recht! Wenn die Ausübung einer Vernunftstätigkeit fehlt, kommt auch ein Stück vom Glück abhanden. Dann ergeht es Menschen im schlimmsten Fall wie meiner Freundin V.. Eine Aufgabe zu haben, bringt Menschen wie T. oder A. oder viele andere in ungeahnte Sphären des Glücksempfindens. So auch mich. Nach jahrelanger inspirationsloser Blockade, für die ich wenigstens noch bezahlt wurde, kann ich jetzt langsam wieder bei vielen Möglichkeiten das Glück empfinden, meinen erlernten Beruf anwenden zu können. Mal sehen, was da noch kommt. Ich bin gespannt.
Mein Aristoteles stört seit heute mittag mal wieder meinen persönlichen Buddha bei der Erlangung allumfassender -losigkeit. Ich wollte dieses besondere Ziel heute mal anpacken und mit Bewegungslosigkeit auf dem Liegestuhl anfangen. Immerhin habe ich zwei Stunden durchgehalten, die aber für den indischen Religions-Prinzen wahrscheinlich nicht zählen, denn ich hörte Musik und las die Zeitschrift NEON. Das Wetter war herrlich. Der alte Grieche zwang mich dazu, wenigstens die Wohnung zu staubsaugen. In einer halben Stunde gehe ich mit Ari, wie ich ihn manchmal nennen darf, einkaufen. Mein rechtes Knie schmerzt, weil ich Aristoteles zuliebe es für praktische Vernunftstätigkeit gehalten habe, so lange zu trainieren, bis ich 10 km in angemessener Zeit laufe. Die Liste der theoretischen Tätigkeiten wird auch immer länger: bezahlbare Fortbildungen suchen, Steuererklärung für 2009 machen, Bewerbungen schreiben, meine Fremdsprachenkenntnisse aufpolieren und, und, und. Wenn ich ehrlich bin, schaffe ich es nie ganz, ihm meinen ganzen Widerstand entgegen zu setzen. Auch wenn ich, seit ich denken kann, bisher schon ganz viel versucht habe.
Nach dem Abitur haben viele meiner Klassenkameraden erstmal den Sommer genossen. Ich habe beinahe ohne Übergang mein erstes Praktikum in einer Zeitschriftenredaktion absolviert. In den Semesterferien habe ich gearbeitet. Nach meinem Uni-Abschluss hatte ich mal für ungefähr sechs Woche weder Beschäftigung noch irgendeine Perspektive. Den depressiven Schub konnte ich ohne schwere Medikamente in den Griff bekommen. Als der Wechsel zwischen meinem vorletzten und meinem letzten Arbeitgeber anstand, habe ich mir meinen Resturlaub auszahlen lassen und bin übergangslos in die neue Firma gewechselt. Aristoteles, jetzt mal ehrlich: Es reicht langsam! Meine Arbeits-Losigkeit sichert mir meine existentiellen Grundbedürfnisse. Ich habe die Zeit, auch mal für eine Stunde länger als ursprünglich geplant, ein Buch zu lesen. Ich könnte mir die freie Zeit wirklich sehr angenehm gestalten. Stattdessen gebe ich ihm viel zu leicht nach. Denn auch wenn mir schwer fällt, das jetzt zu schreiben: Der Alte hat leider Recht! Wenn die Ausübung einer Vernunftstätigkeit fehlt, kommt auch ein Stück vom Glück abhanden. Dann ergeht es Menschen im schlimmsten Fall wie meiner Freundin V.. Eine Aufgabe zu haben, bringt Menschen wie T. oder A. oder viele andere in ungeahnte Sphären des Glücksempfindens. So auch mich. Nach jahrelanger inspirationsloser Blockade, für die ich wenigstens noch bezahlt wurde, kann ich jetzt langsam wieder bei vielen Möglichkeiten das Glück empfinden, meinen erlernten Beruf anwenden zu können. Mal sehen, was da noch kommt. Ich bin gespannt.
Mittwoch, 16. Juni 2010
Champagner-Feeling
Es war einer dieser Abende, die ein kleines bißchen Magie innewohnte. Ich war mit T. im Kino, der Film war unbeschreiblich schön und ich bin mit diesem flirrenden Perlwein-Gefühl im Magen in die Münchner Nacht gegangen. Während dessen habe ich mich mit T., meinem Kinobegleiter, unterhalten.
T. und ich teilen gerade mehr oder weniger unseren Beschäftigungsstatus und unsere bedingungslose Liebe zum bewegten Bild. Euphorisiert von der gemeinsam empfundenen Begeisterung für den Film, den wir gerade besucht haben, begann T. mir von seinen Film-Plänen in nächster Zukunft zu erzählen: Welche spanischen Streifen er doch in nächster Zeit gucken möchte, ob ich denn schon, ich müsste doch, und überhaupt sollte ich ... "Warum machst Du eigentlich keinen Film-Blog?" fragte ich ihn eher beiläufig aber doch so unvermittelt, dass ich ihn mitten im Satz unterbrach. Meine kleine, eher unkalkulierte Unhöflichkeit hatte große Effekte auf T.: Er schnappte kurz Luft, erzählte mir von ersten, elektronischen Gehversuchen und lächelte, als ich ihm diese Seite empfohlen habe. "Dann mach ich einen Film-Blog" waren die Worte, mit denen er sich von mir verabschiedete. T. sah so aus, als würde er sich wie Champagner fühlen, zumindest für einen ganz kurzen Moment.
Wenige Tage zuvor hatte ich A. getroffen. A. gehört zum innersten Kreis meiner besten Freunde, sie ist eine der wenigen Menschen, die ich wenn nötig mit Waffengewalt verteidigen würde, was bei einem Pazifisten wie mir, der an die Kraft des Wortes glaubt, wirklich viel bedeutet. Wir sehen uns nicht häufig, weil sie in einer anderen Stadt wohnt. Aber jedem der seltenen Besuche wohnt ein kleiner Zauber inne: Scheinbar mühelos gelingt es uns, unsere aktuellsten Erlebnisse in eindrucksvoller Resümeé-Essenz dem anderen so zu präsentieren, als wäre die Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, gemeinsam verlaufen. A.s Erzählungen beeindruckten mich nachhaltig, denn sie verfolgt mit einer glasklaren Zielstrebigkeit mit einem beeindruckend langen Atem gegen jede Widerstände ein aktuelles Projekt: A. will Geld für ihren nächsten Film auftreiben. Als sie mir von aktuellen Verhandlungen erzählt, sehe ich dieses Champagner-Feeling in ihren Augen.
T.s und A.s Reaktionen führen beide aus unterschiedlichen Richtungen auf die selbe Ausgangssituation hin. Beide können mit den selben Dingen inspiriert werden. Und zwar würde ich so weit gehen, zu behaupten, dass sowohl A. als auch T. im Zweifelsfall locker über sich selbst hinaus wachsen könnten. Nur A. hatte ihre Inspirationsquelle bisher zum Beruf gemacht, und auch T. hat in allerkürzester Zeit eine Kurzkritikseite mit Schulnoten angelegt, die rasend schnell wachsen wird, so gerne wie er sich mit dem Thema Film auseinandersetzt. Was die Zukunft für beide bringt, wird sich zeigen. Fest steht, dass A. und T. Freude an ihrer Beschäftigung empfinden können, was sie wiederum zu zufriedenen Menschen macht. Und darauf erhebe ich, die Chronistin, jetzt erstmal mein Glas!
T. und ich teilen gerade mehr oder weniger unseren Beschäftigungsstatus und unsere bedingungslose Liebe zum bewegten Bild. Euphorisiert von der gemeinsam empfundenen Begeisterung für den Film, den wir gerade besucht haben, begann T. mir von seinen Film-Plänen in nächster Zukunft zu erzählen: Welche spanischen Streifen er doch in nächster Zeit gucken möchte, ob ich denn schon, ich müsste doch, und überhaupt sollte ich ... "Warum machst Du eigentlich keinen Film-Blog?" fragte ich ihn eher beiläufig aber doch so unvermittelt, dass ich ihn mitten im Satz unterbrach. Meine kleine, eher unkalkulierte Unhöflichkeit hatte große Effekte auf T.: Er schnappte kurz Luft, erzählte mir von ersten, elektronischen Gehversuchen und lächelte, als ich ihm diese Seite empfohlen habe. "Dann mach ich einen Film-Blog" waren die Worte, mit denen er sich von mir verabschiedete. T. sah so aus, als würde er sich wie Champagner fühlen, zumindest für einen ganz kurzen Moment.
Wenige Tage zuvor hatte ich A. getroffen. A. gehört zum innersten Kreis meiner besten Freunde, sie ist eine der wenigen Menschen, die ich wenn nötig mit Waffengewalt verteidigen würde, was bei einem Pazifisten wie mir, der an die Kraft des Wortes glaubt, wirklich viel bedeutet. Wir sehen uns nicht häufig, weil sie in einer anderen Stadt wohnt. Aber jedem der seltenen Besuche wohnt ein kleiner Zauber inne: Scheinbar mühelos gelingt es uns, unsere aktuellsten Erlebnisse in eindrucksvoller Resümeé-Essenz dem anderen so zu präsentieren, als wäre die Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, gemeinsam verlaufen. A.s Erzählungen beeindruckten mich nachhaltig, denn sie verfolgt mit einer glasklaren Zielstrebigkeit mit einem beeindruckend langen Atem gegen jede Widerstände ein aktuelles Projekt: A. will Geld für ihren nächsten Film auftreiben. Als sie mir von aktuellen Verhandlungen erzählt, sehe ich dieses Champagner-Feeling in ihren Augen.
T.s und A.s Reaktionen führen beide aus unterschiedlichen Richtungen auf die selbe Ausgangssituation hin. Beide können mit den selben Dingen inspiriert werden. Und zwar würde ich so weit gehen, zu behaupten, dass sowohl A. als auch T. im Zweifelsfall locker über sich selbst hinaus wachsen könnten. Nur A. hatte ihre Inspirationsquelle bisher zum Beruf gemacht, und auch T. hat in allerkürzester Zeit eine Kurzkritikseite mit Schulnoten angelegt, die rasend schnell wachsen wird, so gerne wie er sich mit dem Thema Film auseinandersetzt. Was die Zukunft für beide bringt, wird sich zeigen. Fest steht, dass A. und T. Freude an ihrer Beschäftigung empfinden können, was sie wiederum zu zufriedenen Menschen macht. Und darauf erhebe ich, die Chronistin, jetzt erstmal mein Glas!
Montag, 7. Juni 2010
Erwerbsbiographien und andere Schätze
Mich faszinieren einzelne Wörter. Ich kann mich an "Humbug" ergötzen, an "Sperrklausel" erfreuen und ständig finde ich neue, verbale Schätze. Mein neuestes Juwel ist "Erwerbsbiographie".
Eine große Gruppe Menschen, die ihr Selbstbewußtsein auf dem Treibsand ihrer Minderwertigkeitskomplexe gebaut haben, stellen ihr Berufsleben großspurig in so genannten CVs dar. Immer wenn ich solchen Menschen begegne, reizt es mich, sie zu fragen, ob sie wüssten, wofür die Abkürzung CV steht. Die Ausfallquote bei dieser Antwort ist wahrscheinlich erschreckend hoch. Schließlich kann ja nicht jeder von Anglizismen ("Si Wi") auf das lateinische Curriculum Vitae schließen. Dann doch lieber das hübsche, deutsche "Lebenslauf" - der Lauf des Lebens mit nur und ausschließlich erwerbsrelevanten Eckdaten auf wenigen Seiten Papier! Die erschreckende Dimension dieses Umstandes mit der ganzen Wucht ihrer Bedeutungstiefe muss man ganz langsam und mit aller Macht auf sich einwirken lassen. Hiermit plädiere ich dafür, die wichtigsten Eckdaten wie die Geburt des ersten Kindes aus dem Nicht-Erwerbsleben in einen konsequent geführten Lebenslauf aufnehmen zu dürfen!
Und hier die heutige Ausgangsfrage: Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für den einzelnen Menschen? Viele, zu viele nehmen sich an dieser Stelle das Lebenslauf-Konzept zu Herzen: Das eigene Leben wird zur Anhäufung erwerbsrelevanter Eckdaten. Zu viel Zeit wird mit CV-Tuning und zu wenig mit echter Sinn-Suche verbracht. Und so kommt es, dass viel zu viele gescheiterte Lebensläufe im Alkohol, in der Depression oder im Selbstmord enden. Denn alles auf eine Karte zu setzen, geht nur im Film gut aus.
Dann doch lieber die Erwerbsbiographie. Meine Fantasie sendet mir bei diesem wunderschönen Wort folgenden Kurzfilm an mein inneres Auge:
Ich sitze, biblisch alt und mit einer sorgsam gepflegten, exzentrischen Schrulle in meinem Wohnzimmer, in dem ein überbordendes Bücherregal steht. Zwei Bücher in diesem Sammelsurium behandeln mich, denn ich habe bis dahin einen Weg gefunden, mir zwangsweise irgendeine, in Buchform gegossene Bedeutung zuzumessen. Buch eins ist meine Biographie. Früher durften nur große Menschen ab einem gewissen Alter eine Biographie verfassen. Heute gibt es schon Lebensbücher über 19jährige. Warum also soll in meinem Kurzfilm in der Zukunft auch nicht meine eigene Biographie vorkommen? Daneben steht ein Buch mit dem Aufdruck "Meine Erwerbsbiographie"; die meinen beruflichen Werdegang von den Anfängen bis zum meinem 95-jährigen Eintritt ins gesetzliche Rentenalter beschreibt. Bis dahin werde ich in meiner Fantasie übrigens die Stellung einer Art Noelle-Neumann für arme Leute in meiner Zunft eingenommen haben; eine schlechte Kopie des Originals, aber meine Kamerastatements werden lustiger.
Ich kann, werde und will heute nicht die Frage beantworten, welche Bedeutung Erwerbsarbeit für mein Leben hat. Obwohl das Fehlen derselben gut auf die Antwort hinführen könnte. Ohne Erwerbsarbeit hat man im schlechtesten Fall kein Einkommen zur Sicherung seines Lebensunterhalts. Also ist Erwerbsarbeit erstens Existenzsicherung. Aber was ist sie darüber hinaus? Ich erinnere mich noch gut, was sie bis ungefähr ins Jahr vier meiner Berufstätigen-Karriere bedeutet hat: Spaß, intellektuelle Inspiration und Erfolg. Ich spürte ein loderndes Feuer in mir und meine Anstellung war wie ein Blasebalg, der das Feuer immer und immer wieder anfachte. Schlußendlich entschied man sich dafür, dass ich zu Dingen, die ich gut und gerne hätte lernen können, nicht befähigt wäre. Meinen Platz nahm jemand ein, der ein Vielfaches mehr lernen musste. Ob er loderte, ist nicht überliefert.
Eine große Gruppe Menschen, die ihr Selbstbewußtsein auf dem Treibsand ihrer Minderwertigkeitskomplexe gebaut haben, stellen ihr Berufsleben großspurig in so genannten CVs dar. Immer wenn ich solchen Menschen begegne, reizt es mich, sie zu fragen, ob sie wüssten, wofür die Abkürzung CV steht. Die Ausfallquote bei dieser Antwort ist wahrscheinlich erschreckend hoch. Schließlich kann ja nicht jeder von Anglizismen ("Si Wi") auf das lateinische Curriculum Vitae schließen. Dann doch lieber das hübsche, deutsche "Lebenslauf" - der Lauf des Lebens mit nur und ausschließlich erwerbsrelevanten Eckdaten auf wenigen Seiten Papier! Die erschreckende Dimension dieses Umstandes mit der ganzen Wucht ihrer Bedeutungstiefe muss man ganz langsam und mit aller Macht auf sich einwirken lassen. Hiermit plädiere ich dafür, die wichtigsten Eckdaten wie die Geburt des ersten Kindes aus dem Nicht-Erwerbsleben in einen konsequent geführten Lebenslauf aufnehmen zu dürfen!
Und hier die heutige Ausgangsfrage: Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für den einzelnen Menschen? Viele, zu viele nehmen sich an dieser Stelle das Lebenslauf-Konzept zu Herzen: Das eigene Leben wird zur Anhäufung erwerbsrelevanter Eckdaten. Zu viel Zeit wird mit CV-Tuning und zu wenig mit echter Sinn-Suche verbracht. Und so kommt es, dass viel zu viele gescheiterte Lebensläufe im Alkohol, in der Depression oder im Selbstmord enden. Denn alles auf eine Karte zu setzen, geht nur im Film gut aus.
Dann doch lieber die Erwerbsbiographie. Meine Fantasie sendet mir bei diesem wunderschönen Wort folgenden Kurzfilm an mein inneres Auge:
Ich sitze, biblisch alt und mit einer sorgsam gepflegten, exzentrischen Schrulle in meinem Wohnzimmer, in dem ein überbordendes Bücherregal steht. Zwei Bücher in diesem Sammelsurium behandeln mich, denn ich habe bis dahin einen Weg gefunden, mir zwangsweise irgendeine, in Buchform gegossene Bedeutung zuzumessen. Buch eins ist meine Biographie. Früher durften nur große Menschen ab einem gewissen Alter eine Biographie verfassen. Heute gibt es schon Lebensbücher über 19jährige. Warum also soll in meinem Kurzfilm in der Zukunft auch nicht meine eigene Biographie vorkommen? Daneben steht ein Buch mit dem Aufdruck "Meine Erwerbsbiographie"; die meinen beruflichen Werdegang von den Anfängen bis zum meinem 95-jährigen Eintritt ins gesetzliche Rentenalter beschreibt. Bis dahin werde ich in meiner Fantasie übrigens die Stellung einer Art Noelle-Neumann für arme Leute in meiner Zunft eingenommen haben; eine schlechte Kopie des Originals, aber meine Kamerastatements werden lustiger.
Ich kann, werde und will heute nicht die Frage beantworten, welche Bedeutung Erwerbsarbeit für mein Leben hat. Obwohl das Fehlen derselben gut auf die Antwort hinführen könnte. Ohne Erwerbsarbeit hat man im schlechtesten Fall kein Einkommen zur Sicherung seines Lebensunterhalts. Also ist Erwerbsarbeit erstens Existenzsicherung. Aber was ist sie darüber hinaus? Ich erinnere mich noch gut, was sie bis ungefähr ins Jahr vier meiner Berufstätigen-Karriere bedeutet hat: Spaß, intellektuelle Inspiration und Erfolg. Ich spürte ein loderndes Feuer in mir und meine Anstellung war wie ein Blasebalg, der das Feuer immer und immer wieder anfachte. Schlußendlich entschied man sich dafür, dass ich zu Dingen, die ich gut und gerne hätte lernen können, nicht befähigt wäre. Meinen Platz nahm jemand ein, der ein Vielfaches mehr lernen musste. Ob er loderte, ist nicht überliefert.
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