Es war einer dieser Abende, die ein kleines bißchen Magie innewohnte. Ich war mit T. im Kino, der Film war unbeschreiblich schön und ich bin mit diesem flirrenden Perlwein-Gefühl im Magen in die Münchner Nacht gegangen. Während dessen habe ich mich mit T., meinem Kinobegleiter, unterhalten.
T. und ich teilen gerade mehr oder weniger unseren Beschäftigungsstatus und unsere bedingungslose Liebe zum bewegten Bild. Euphorisiert von der gemeinsam empfundenen Begeisterung für den Film, den wir gerade besucht haben, begann T. mir von seinen Film-Plänen in nächster Zukunft zu erzählen: Welche spanischen Streifen er doch in nächster Zeit gucken möchte, ob ich denn schon, ich müsste doch, und überhaupt sollte ich ... "Warum machst Du eigentlich keinen Film-Blog?" fragte ich ihn eher beiläufig aber doch so unvermittelt, dass ich ihn mitten im Satz unterbrach. Meine kleine, eher unkalkulierte Unhöflichkeit hatte große Effekte auf T.: Er schnappte kurz Luft, erzählte mir von ersten, elektronischen Gehversuchen und lächelte, als ich ihm diese Seite empfohlen habe. "Dann mach ich einen Film-Blog" waren die Worte, mit denen er sich von mir verabschiedete. T. sah so aus, als würde er sich wie Champagner fühlen, zumindest für einen ganz kurzen Moment.
Wenige Tage zuvor hatte ich A. getroffen. A. gehört zum innersten Kreis meiner besten Freunde, sie ist eine der wenigen Menschen, die ich wenn nötig mit Waffengewalt verteidigen würde, was bei einem Pazifisten wie mir, der an die Kraft des Wortes glaubt, wirklich viel bedeutet. Wir sehen uns nicht häufig, weil sie in einer anderen Stadt wohnt. Aber jedem der seltenen Besuche wohnt ein kleiner Zauber inne: Scheinbar mühelos gelingt es uns, unsere aktuellsten Erlebnisse in eindrucksvoller Resümeé-Essenz dem anderen so zu präsentieren, als wäre die Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, gemeinsam verlaufen. A.s Erzählungen beeindruckten mich nachhaltig, denn sie verfolgt mit einer glasklaren Zielstrebigkeit mit einem beeindruckend langen Atem gegen jede Widerstände ein aktuelles Projekt: A. will Geld für ihren nächsten Film auftreiben. Als sie mir von aktuellen Verhandlungen erzählt, sehe ich dieses Champagner-Feeling in ihren Augen.
T.s und A.s Reaktionen führen beide aus unterschiedlichen Richtungen auf die selbe Ausgangssituation hin. Beide können mit den selben Dingen inspiriert werden. Und zwar würde ich so weit gehen, zu behaupten, dass sowohl A. als auch T. im Zweifelsfall locker über sich selbst hinaus wachsen könnten. Nur A. hatte ihre Inspirationsquelle bisher zum Beruf gemacht, und auch T. hat in allerkürzester Zeit eine Kurzkritikseite mit Schulnoten angelegt, die rasend schnell wachsen wird, so gerne wie er sich mit dem Thema Film auseinandersetzt. Was die Zukunft für beide bringt, wird sich zeigen. Fest steht, dass A. und T. Freude an ihrer Beschäftigung empfinden können, was sie wiederum zu zufriedenen Menschen macht. Und darauf erhebe ich, die Chronistin, jetzt erstmal mein Glas!
Mittwoch, 16. Juni 2010
Montag, 7. Juni 2010
Erwerbsbiographien und andere Schätze
Mich faszinieren einzelne Wörter. Ich kann mich an "Humbug" ergötzen, an "Sperrklausel" erfreuen und ständig finde ich neue, verbale Schätze. Mein neuestes Juwel ist "Erwerbsbiographie".
Eine große Gruppe Menschen, die ihr Selbstbewußtsein auf dem Treibsand ihrer Minderwertigkeitskomplexe gebaut haben, stellen ihr Berufsleben großspurig in so genannten CVs dar. Immer wenn ich solchen Menschen begegne, reizt es mich, sie zu fragen, ob sie wüssten, wofür die Abkürzung CV steht. Die Ausfallquote bei dieser Antwort ist wahrscheinlich erschreckend hoch. Schließlich kann ja nicht jeder von Anglizismen ("Si Wi") auf das lateinische Curriculum Vitae schließen. Dann doch lieber das hübsche, deutsche "Lebenslauf" - der Lauf des Lebens mit nur und ausschließlich erwerbsrelevanten Eckdaten auf wenigen Seiten Papier! Die erschreckende Dimension dieses Umstandes mit der ganzen Wucht ihrer Bedeutungstiefe muss man ganz langsam und mit aller Macht auf sich einwirken lassen. Hiermit plädiere ich dafür, die wichtigsten Eckdaten wie die Geburt des ersten Kindes aus dem Nicht-Erwerbsleben in einen konsequent geführten Lebenslauf aufnehmen zu dürfen!
Und hier die heutige Ausgangsfrage: Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für den einzelnen Menschen? Viele, zu viele nehmen sich an dieser Stelle das Lebenslauf-Konzept zu Herzen: Das eigene Leben wird zur Anhäufung erwerbsrelevanter Eckdaten. Zu viel Zeit wird mit CV-Tuning und zu wenig mit echter Sinn-Suche verbracht. Und so kommt es, dass viel zu viele gescheiterte Lebensläufe im Alkohol, in der Depression oder im Selbstmord enden. Denn alles auf eine Karte zu setzen, geht nur im Film gut aus.
Dann doch lieber die Erwerbsbiographie. Meine Fantasie sendet mir bei diesem wunderschönen Wort folgenden Kurzfilm an mein inneres Auge:
Ich sitze, biblisch alt und mit einer sorgsam gepflegten, exzentrischen Schrulle in meinem Wohnzimmer, in dem ein überbordendes Bücherregal steht. Zwei Bücher in diesem Sammelsurium behandeln mich, denn ich habe bis dahin einen Weg gefunden, mir zwangsweise irgendeine, in Buchform gegossene Bedeutung zuzumessen. Buch eins ist meine Biographie. Früher durften nur große Menschen ab einem gewissen Alter eine Biographie verfassen. Heute gibt es schon Lebensbücher über 19jährige. Warum also soll in meinem Kurzfilm in der Zukunft auch nicht meine eigene Biographie vorkommen? Daneben steht ein Buch mit dem Aufdruck "Meine Erwerbsbiographie"; die meinen beruflichen Werdegang von den Anfängen bis zum meinem 95-jährigen Eintritt ins gesetzliche Rentenalter beschreibt. Bis dahin werde ich in meiner Fantasie übrigens die Stellung einer Art Noelle-Neumann für arme Leute in meiner Zunft eingenommen haben; eine schlechte Kopie des Originals, aber meine Kamerastatements werden lustiger.
Ich kann, werde und will heute nicht die Frage beantworten, welche Bedeutung Erwerbsarbeit für mein Leben hat. Obwohl das Fehlen derselben gut auf die Antwort hinführen könnte. Ohne Erwerbsarbeit hat man im schlechtesten Fall kein Einkommen zur Sicherung seines Lebensunterhalts. Also ist Erwerbsarbeit erstens Existenzsicherung. Aber was ist sie darüber hinaus? Ich erinnere mich noch gut, was sie bis ungefähr ins Jahr vier meiner Berufstätigen-Karriere bedeutet hat: Spaß, intellektuelle Inspiration und Erfolg. Ich spürte ein loderndes Feuer in mir und meine Anstellung war wie ein Blasebalg, der das Feuer immer und immer wieder anfachte. Schlußendlich entschied man sich dafür, dass ich zu Dingen, die ich gut und gerne hätte lernen können, nicht befähigt wäre. Meinen Platz nahm jemand ein, der ein Vielfaches mehr lernen musste. Ob er loderte, ist nicht überliefert.
Eine große Gruppe Menschen, die ihr Selbstbewußtsein auf dem Treibsand ihrer Minderwertigkeitskomplexe gebaut haben, stellen ihr Berufsleben großspurig in so genannten CVs dar. Immer wenn ich solchen Menschen begegne, reizt es mich, sie zu fragen, ob sie wüssten, wofür die Abkürzung CV steht. Die Ausfallquote bei dieser Antwort ist wahrscheinlich erschreckend hoch. Schließlich kann ja nicht jeder von Anglizismen ("Si Wi") auf das lateinische Curriculum Vitae schließen. Dann doch lieber das hübsche, deutsche "Lebenslauf" - der Lauf des Lebens mit nur und ausschließlich erwerbsrelevanten Eckdaten auf wenigen Seiten Papier! Die erschreckende Dimension dieses Umstandes mit der ganzen Wucht ihrer Bedeutungstiefe muss man ganz langsam und mit aller Macht auf sich einwirken lassen. Hiermit plädiere ich dafür, die wichtigsten Eckdaten wie die Geburt des ersten Kindes aus dem Nicht-Erwerbsleben in einen konsequent geführten Lebenslauf aufnehmen zu dürfen!
Und hier die heutige Ausgangsfrage: Welche Bedeutung hat Erwerbsarbeit für den einzelnen Menschen? Viele, zu viele nehmen sich an dieser Stelle das Lebenslauf-Konzept zu Herzen: Das eigene Leben wird zur Anhäufung erwerbsrelevanter Eckdaten. Zu viel Zeit wird mit CV-Tuning und zu wenig mit echter Sinn-Suche verbracht. Und so kommt es, dass viel zu viele gescheiterte Lebensläufe im Alkohol, in der Depression oder im Selbstmord enden. Denn alles auf eine Karte zu setzen, geht nur im Film gut aus.
Dann doch lieber die Erwerbsbiographie. Meine Fantasie sendet mir bei diesem wunderschönen Wort folgenden Kurzfilm an mein inneres Auge:
Ich sitze, biblisch alt und mit einer sorgsam gepflegten, exzentrischen Schrulle in meinem Wohnzimmer, in dem ein überbordendes Bücherregal steht. Zwei Bücher in diesem Sammelsurium behandeln mich, denn ich habe bis dahin einen Weg gefunden, mir zwangsweise irgendeine, in Buchform gegossene Bedeutung zuzumessen. Buch eins ist meine Biographie. Früher durften nur große Menschen ab einem gewissen Alter eine Biographie verfassen. Heute gibt es schon Lebensbücher über 19jährige. Warum also soll in meinem Kurzfilm in der Zukunft auch nicht meine eigene Biographie vorkommen? Daneben steht ein Buch mit dem Aufdruck "Meine Erwerbsbiographie"; die meinen beruflichen Werdegang von den Anfängen bis zum meinem 95-jährigen Eintritt ins gesetzliche Rentenalter beschreibt. Bis dahin werde ich in meiner Fantasie übrigens die Stellung einer Art Noelle-Neumann für arme Leute in meiner Zunft eingenommen haben; eine schlechte Kopie des Originals, aber meine Kamerastatements werden lustiger.
Ich kann, werde und will heute nicht die Frage beantworten, welche Bedeutung Erwerbsarbeit für mein Leben hat. Obwohl das Fehlen derselben gut auf die Antwort hinführen könnte. Ohne Erwerbsarbeit hat man im schlechtesten Fall kein Einkommen zur Sicherung seines Lebensunterhalts. Also ist Erwerbsarbeit erstens Existenzsicherung. Aber was ist sie darüber hinaus? Ich erinnere mich noch gut, was sie bis ungefähr ins Jahr vier meiner Berufstätigen-Karriere bedeutet hat: Spaß, intellektuelle Inspiration und Erfolg. Ich spürte ein loderndes Feuer in mir und meine Anstellung war wie ein Blasebalg, der das Feuer immer und immer wieder anfachte. Schlußendlich entschied man sich dafür, dass ich zu Dingen, die ich gut und gerne hätte lernen können, nicht befähigt wäre. Meinen Platz nahm jemand ein, der ein Vielfaches mehr lernen musste. Ob er loderte, ist nicht überliefert.
Mittwoch, 26. Mai 2010
Buchstaben atmen
Beinahe zwei Jahre lang reiste mit mir ein Mischwesen aus Frau und Reh, das mich mit kugelrunden, braunen Augen ansah, wenn ich neben ihm stand. Eines Tages entdeckte ich im Gewühl beim Einsteigen einen Wolfsmann, weshalb ich mir ernsthaft Sorgen um die Rehfrau zu machen begann. Völlig unnötig, wie sich später herausstellte, denn die Rehfrau hatte ich nach einiger Zeit wieder regelmäßig gesehen. Der Wolfsmann hingegen blieb für immer verschwunden. Willkommen im öffentlichen Personennahverkehr! Für aufmerksame Beobachter beginnt hier eine fantastische Reise in fremde Welten. Vielleicht beginnt der U-Bahn-Fantasietrip mit einem guten Buch. Zumindest machen mir viele Mitreisende diesen Eindruck. Viele Menschen lesen in öffentlichen Verkehrsmitteln, als ob sie die Buchstaben atmen müssten. Dabei ist es völlig egal, woher sie ihren mehr oder weniger literarischen Sauerstoff herbekommen.
Am lustigsten sind die Romanleser. Manche Bücher fesseln ihre Konsumenten so, dass sie bei der Endhaltestelle nicht aufhören können. Dann steigen sie mit dem Buch vor der Nase auf den Bahnsteig und lesen einfach gehend weiter. Ich halte es in solchen Situationen für meine Chronisten-Pflicht, sich ereignende Unfälle, Stürze und Verletzungen zu dokumentieren. Aber irgendeine Macht leitet sie wohlbehalten an ihren Arbeitsplatz, wo die Romanleser wahrscheinlich in der Mittagspause sofort das Buch wieder zur Hand nehmen.
Aber auch Sportteile, Akten, Unterlagen und ganze Zeitungen werden aufgesogen. Ein interessanter Zeitvertreib beim U-Bahnfahren ist etwas, was ich hier "Lese-Hellsehen" nennen möchte. Sobald jemand im eigenen Sichtfeld beginnt, in mitgebrachten Taschen zu wühlen oder an Mänteln zu nesteln, muss der Lese-Hellseher vorhersagen, was die Testperson gleich lesen wird. Komischerweise bin ich bisher noch nie von meinen Testpersonen überrascht worden. Ich
hatte sowohl das Computer-Fachmagazin beim leicht übergewichtigen Nerd als auch die Klatschzeitschrift bei der Frau mit den Kunstnägeln schon vorausgeahnt. Wer jetzt einwendet, das sei ja auch keine Kunst, sollte sich in einer ruhigen Minute darüber Gedanken machen, wieviel Macht Vorurteile und Kategorie-Denken über die eigene Vorstellungswelt haben.
Der lesende Mensch hat in Bus und Bahn immer Dokumente zur eigenen Erbauung in der Hand, egal ob er sie im Moment langweilig oder interessant findet. Komischerweise konnte ich aber noch nie transzendentale Erbauungsliteratur finden. Liest jemand im Münchner Untergrund die Bibel? Steigt jemand in die Trambahn und blättert während der Fahrt im Koran? Ich kann mir nur vorstellen, dass die Benutzung des öffentlichen Personennahverkehrs ein zu trivialer Vorgang ist, um während dessen in so heiligen Büchern zu lesen. Allerdings schert sich Gott, Allah oder welchen Namen ihm die Menschen auch geben, auch sicher nicht um Trivialität.
Am lustigsten sind die Romanleser. Manche Bücher fesseln ihre Konsumenten so, dass sie bei der Endhaltestelle nicht aufhören können. Dann steigen sie mit dem Buch vor der Nase auf den Bahnsteig und lesen einfach gehend weiter. Ich halte es in solchen Situationen für meine Chronisten-Pflicht, sich ereignende Unfälle, Stürze und Verletzungen zu dokumentieren. Aber irgendeine Macht leitet sie wohlbehalten an ihren Arbeitsplatz, wo die Romanleser wahrscheinlich in der Mittagspause sofort das Buch wieder zur Hand nehmen.
Aber auch Sportteile, Akten, Unterlagen und ganze Zeitungen werden aufgesogen. Ein interessanter Zeitvertreib beim U-Bahnfahren ist etwas, was ich hier "Lese-Hellsehen" nennen möchte. Sobald jemand im eigenen Sichtfeld beginnt, in mitgebrachten Taschen zu wühlen oder an Mänteln zu nesteln, muss der Lese-Hellseher vorhersagen, was die Testperson gleich lesen wird. Komischerweise bin ich bisher noch nie von meinen Testpersonen überrascht worden. Ich
hatte sowohl das Computer-Fachmagazin beim leicht übergewichtigen Nerd als auch die Klatschzeitschrift bei der Frau mit den Kunstnägeln schon vorausgeahnt. Wer jetzt einwendet, das sei ja auch keine Kunst, sollte sich in einer ruhigen Minute darüber Gedanken machen, wieviel Macht Vorurteile und Kategorie-Denken über die eigene Vorstellungswelt haben.
Der lesende Mensch hat in Bus und Bahn immer Dokumente zur eigenen Erbauung in der Hand, egal ob er sie im Moment langweilig oder interessant findet. Komischerweise konnte ich aber noch nie transzendentale Erbauungsliteratur finden. Liest jemand im Münchner Untergrund die Bibel? Steigt jemand in die Trambahn und blättert während der Fahrt im Koran? Ich kann mir nur vorstellen, dass die Benutzung des öffentlichen Personennahverkehrs ein zu trivialer Vorgang ist, um während dessen in so heiligen Büchern zu lesen. Allerdings schert sich Gott, Allah oder welchen Namen ihm die Menschen auch geben, auch sicher nicht um Trivialität.
Dienstag, 25. Mai 2010
Grüß Gott in München, bei uns wird gegrantelt!
Wer aufmerksam U- oder S-Bahn fährt, bekommt mit seinem Ticket auch eine aufregende Vorstellung geboten: Die Mitreisenden geben sich alle Mühe, ihr Entertainment-Programm dem geneigten Beobachter völlig kostenfrei anzubieten. Und dabei benötigt man gar nicht unbedingt Großereignisse wie den Ökumenischen Kirchentag. Aber unterhaltend sind diese trotzdem.
Der ÖKT, wie er mit dem Anschein von Fachsimpelei abgekürzt wurde, spülte eine Flut glücklicher Menschen nach München. Die Besucher des Kirchentages erweckten in mir persönlich den Eindruck, für sie sei die Fahrt nach München mit einer Reise nach Hawaii vergleichbar, die sie in einem Preisausschreiben gewonnen hatten. Die vielzitierte "Weltstadt mit Herz" platzte aus allen Nähten vor orange beschalten, selig lächelnden, manchmal etwas weggetretenen Christenmenschen.
Ich habe mich oft gefragt, welches Genie im Tourismusbüro den Slogan "Weltstadt mit Herz" erfunden hat. Für mich ist das Synonym für meine Heimatstadt ein herrlicher Euphemismus, der wahrscheinlich auch letzten Endes dafür gesorgt hat, dass München den ÖKT ausrichten durfte. Ich will hier keine Diskussion darüber beginnen, ob München tatsächlich eine Weltstadt ist. Meine Aufmerksamkeit gilt heute der vermeintlichen Herzlichkeit und der Frage, wie sie mit dem Münchner Grant vereinbar ist, der auch vor selig lächelnden ÖKT-Besuchern nicht halt macht.
Einen Tag vor Christi Himmelfahrt spuckte eine völlig überfüllte U2 eine Frau mittleren Alters, eine Gruppe Jugendlicher mit eindeutig norddeutschem Zungenschlag und mich auf den Bahnsteig am Sendlinger Tor. Das zügige Umsteigen in die U3 oder die U6 ist auch unter ganz normalen Umständen eine sportliche Leistung, die Planung, Disziplin und Reaktionsschnelligkeit erfordert. Besucher können das zügige Umsteigen erschweren. Kirchentagsbesucher können es unmöglich machen, wie sich schnell zeigen sollte.
Die Dame mittleren Alters und ich wussten: Wer Rolltreppen benutzen will, muss links gehen und rechts stehen. Die norddeutschen Jugendlichen standen links und versperrten so der Dame den Weg zu ihrem Anschlusszug. Lautstark versuchte erst sie und dann wir beide gemeinsam, die Jugendlichen um ein wenig Platz zu bitten, damit die Dame vorbei konnte. Doch unsere dialektgefärbten Anreden wurden nicht erhört. Erst ein deftiger Fluch zog die Aufmerksamkeit des ÖKT-Pulks auf sich. Im Nachhinein betrachtet ist es ja eigentlich völlig logisch, dass Kirchentags-Besucher auf "Kreizkruzifix!" reagieren. Die Dame, die vorbei wollte, nutzte die überraschte Stille für den schönen, lautstark vorgetragenen Satz : "Grüß Gott in München, bei uns werd grantelt!" Wer braucht da noch Kino, TV oder ein gutes Buch, wenn er stattdessen solche Szenen erleben darf?
Der Grant, oder auch hochdeutsch die schlechte Laune, erfasste beim Thema ÖKT auch einige Neu-Münchner aus meinem Bekanntenkreis. M., der eigentlich aus einem Nest aus der Gegend von Ulm stammt und der seit seinem Studium München mit seiner Anwesenheit beehrt, grantelte nach Ende des Kirchentages noch volle drei Tage lang. Denn vom 12. bis zum 16. Mai geriet er, immer wenn er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, an verschiedene Gruppen von glücklich lächelnden, beseelten (siehe oben) ÖKT-Besuchern, die zum Klang von Gitarren erbauliche Lieder mit christlichem Inhalt sangen und ihn wohl oder übel zum Zuhören nötigten. Seine Übellaunigkeit, die wir Münchner hegen, pflegen und zu zelebrieren wissen, stand ihm bestens zu Gesicht und reinigte seine Seele.
Der ÖKT, wie er mit dem Anschein von Fachsimpelei abgekürzt wurde, spülte eine Flut glücklicher Menschen nach München. Die Besucher des Kirchentages erweckten in mir persönlich den Eindruck, für sie sei die Fahrt nach München mit einer Reise nach Hawaii vergleichbar, die sie in einem Preisausschreiben gewonnen hatten. Die vielzitierte "Weltstadt mit Herz" platzte aus allen Nähten vor orange beschalten, selig lächelnden, manchmal etwas weggetretenen Christenmenschen.
Ich habe mich oft gefragt, welches Genie im Tourismusbüro den Slogan "Weltstadt mit Herz" erfunden hat. Für mich ist das Synonym für meine Heimatstadt ein herrlicher Euphemismus, der wahrscheinlich auch letzten Endes dafür gesorgt hat, dass München den ÖKT ausrichten durfte. Ich will hier keine Diskussion darüber beginnen, ob München tatsächlich eine Weltstadt ist. Meine Aufmerksamkeit gilt heute der vermeintlichen Herzlichkeit und der Frage, wie sie mit dem Münchner Grant vereinbar ist, der auch vor selig lächelnden ÖKT-Besuchern nicht halt macht.
Einen Tag vor Christi Himmelfahrt spuckte eine völlig überfüllte U2 eine Frau mittleren Alters, eine Gruppe Jugendlicher mit eindeutig norddeutschem Zungenschlag und mich auf den Bahnsteig am Sendlinger Tor. Das zügige Umsteigen in die U3 oder die U6 ist auch unter ganz normalen Umständen eine sportliche Leistung, die Planung, Disziplin und Reaktionsschnelligkeit erfordert. Besucher können das zügige Umsteigen erschweren. Kirchentagsbesucher können es unmöglich machen, wie sich schnell zeigen sollte.
Die Dame mittleren Alters und ich wussten: Wer Rolltreppen benutzen will, muss links gehen und rechts stehen. Die norddeutschen Jugendlichen standen links und versperrten so der Dame den Weg zu ihrem Anschlusszug. Lautstark versuchte erst sie und dann wir beide gemeinsam, die Jugendlichen um ein wenig Platz zu bitten, damit die Dame vorbei konnte. Doch unsere dialektgefärbten Anreden wurden nicht erhört. Erst ein deftiger Fluch zog die Aufmerksamkeit des ÖKT-Pulks auf sich. Im Nachhinein betrachtet ist es ja eigentlich völlig logisch, dass Kirchentags-Besucher auf "Kreizkruzifix!" reagieren. Die Dame, die vorbei wollte, nutzte die überraschte Stille für den schönen, lautstark vorgetragenen Satz : "Grüß Gott in München, bei uns werd grantelt!" Wer braucht da noch Kino, TV oder ein gutes Buch, wenn er stattdessen solche Szenen erleben darf?
Der Grant, oder auch hochdeutsch die schlechte Laune, erfasste beim Thema ÖKT auch einige Neu-Münchner aus meinem Bekanntenkreis. M., der eigentlich aus einem Nest aus der Gegend von Ulm stammt und der seit seinem Studium München mit seiner Anwesenheit beehrt, grantelte nach Ende des Kirchentages noch volle drei Tage lang. Denn vom 12. bis zum 16. Mai geriet er, immer wenn er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, an verschiedene Gruppen von glücklich lächelnden, beseelten (siehe oben) ÖKT-Besuchern, die zum Klang von Gitarren erbauliche Lieder mit christlichem Inhalt sangen und ihn wohl oder übel zum Zuhören nötigten. Seine Übellaunigkeit, die wir Münchner hegen, pflegen und zu zelebrieren wissen, stand ihm bestens zu Gesicht und reinigte seine Seele.
Sonntag, 9. Mai 2010
Work Limited Deluxe Edition
Neulich im Netz: ein großes Online-Handelsportal schickte mir die neuesten Musikempfehlungen per Mail. Meine Betreffzeile sah demnach so aus: "Get now: Work (Ltd. Deluxe Edition)" Ist natürlich in meiner Situation nicht ganz ohne Ironie. Allerdings könnte meine Erwerbszukunft ja durchaus im Netz liegen. Eine Akademie in meiner Heimatstadt München bildet Menschen wie mich zum Social Media Manager aus. Ich brauche nur noch jemanden, der mir die knapp 2.000 Euro Kursgebühr bezahlt. In meiner Zunft könnte sich eine Zusatzqualifikation als Social Media Manager also durchaus lohnen. Allerdings könnte ich auch ...
In Situationen wie diesen stehen mir eigentlich alle Möglichkeiten offen. Gleichzeitig habe ich keinen blassen Schimmer, wie es weitergehen soll. Als Statusmeldung, um bei der Netzanalogie zu bleiben, wäre also "irritierterfreut" oder "glücklichratlos" sehr passend. Es kostet allerdings sehr viel Überwindung, sich "irritierterfreut" im notwendigen und gleichzeitig völlig unnötigen Gespräch mit der Personalabteilung nicht anmerken zu lassen. "Glücklichratlos" durch das Arbeitsamt, Verzeihung - durch die Arbeitsagentur zu irren, ist auch nicht unbedingt zielführend.
Aber was sollte eigentlich zielführend sein im Jahr 2010? In den letzten zwei Jahren huschten morgens wie abends die Stein gewordenen Vorstadt-Träume an mir vorbei. Beziehungsweise das, was nach dem Kreditgespräch mit der Bank davon übrig blieb. Ich gehörte auch kurz zu denen, die kurz auf diese Stein-Träume zu hoffen und zu planen wagten und war mir vermeintlich auch schon im Klaren, wieviel Vorstadt für mich akzeptabel wäre. Die Realität ist gut motorisiert, so schnell wie sie einen einholen kann. Jetzt muss ich erstmal etwas finden, was für mich Lebensunterhalt, Berufung und Beruf gleichzeitig sein kann.
Ist eigentlich der Job des Stadt-Beobachters schon vergeben? Wenn nicht, möchte ich, wie es im schönsten Bewerberdeutsch heißt, "im Folgenden großes Interesse signalisieren". Denn wer mit offenen Augen und Notizheft in der Hand nur vom Marienplatz zum Stachus läuft, hat an guten Tagen schon Stoff für Romane. Und wer aufmerksam U- und S-Bahn fährt, erst recht.
In Situationen wie diesen stehen mir eigentlich alle Möglichkeiten offen. Gleichzeitig habe ich keinen blassen Schimmer, wie es weitergehen soll. Als Statusmeldung, um bei der Netzanalogie zu bleiben, wäre also "irritierterfreut" oder "glücklichratlos" sehr passend. Es kostet allerdings sehr viel Überwindung, sich "irritierterfreut" im notwendigen und gleichzeitig völlig unnötigen Gespräch mit der Personalabteilung nicht anmerken zu lassen. "Glücklichratlos" durch das Arbeitsamt, Verzeihung - durch die Arbeitsagentur zu irren, ist auch nicht unbedingt zielführend.
Aber was sollte eigentlich zielführend sein im Jahr 2010? In den letzten zwei Jahren huschten morgens wie abends die Stein gewordenen Vorstadt-Träume an mir vorbei. Beziehungsweise das, was nach dem Kreditgespräch mit der Bank davon übrig blieb. Ich gehörte auch kurz zu denen, die kurz auf diese Stein-Träume zu hoffen und zu planen wagten und war mir vermeintlich auch schon im Klaren, wieviel Vorstadt für mich akzeptabel wäre. Die Realität ist gut motorisiert, so schnell wie sie einen einholen kann. Jetzt muss ich erstmal etwas finden, was für mich Lebensunterhalt, Berufung und Beruf gleichzeitig sein kann.
Ist eigentlich der Job des Stadt-Beobachters schon vergeben? Wenn nicht, möchte ich, wie es im schönsten Bewerberdeutsch heißt, "im Folgenden großes Interesse signalisieren". Denn wer mit offenen Augen und Notizheft in der Hand nur vom Marienplatz zum Stachus läuft, hat an guten Tagen schon Stoff für Romane. Und wer aufmerksam U- und S-Bahn fährt, erst recht.
Freitag, 16. April 2010
Die Kunst, in Massen zu verschwinden
Hätte mich einer meiner Lieblingsautoren, Haruki Murakami, letzte Woche während, vor und direkt nach meiner Arbeitszeit beobachtet, er hätte mich in eine Parallelwelt hinein geschrieben. Denn letzte Woche war ich beinahe verschwunden. Wer mich sieht, spricht mir sicher eine gewisse physische Präsenz zu. Die Frage lautet jetzt natürlich, wie ich das mit dem Verschwinden trotzdem bewerkstelligt habe. Nun, die Antwort hierauf ist eigentlich ganz einfach.
Der Profi-Pendler erkennt schnell, wie leicht man in einer großen Masse aufgehen kann. Stündlich ergießt sich an großen Umsteigebahnhöfen ein Menschen-Brei über die Rolltreppen und fließt zäh zwischen S- und U-Bahnen hin und her. Die Kunst ist es, sich dieser Masse bis zur Selbstaufgabe anzupassen; eins mit ihr zu werden wie eine kleine Makrele in einem großen Schwarm. Nützliche Hilfsmittel sind je nach Wetterlage Sonnenbrille oder schwarze Lederhandschuhe, weil sie Augen und Hände, also zwei wichtige, aussagekräftige Teilbereiche der physischen Identität eines jeden Menschen abdecken. Dazu noch ein ipod in die Ohren zum Sinnesverschluss und schon kann das Verschwinden für normale Menschen ohne besonders exaltierten Kleidungsstil oder hervorstechende, physische Merkmale beginnen.
Verschwundene Menschen sind nicht hilfreich, wenn Fakten geschaffen werden sollen, denn Leuten, die ganz eins sind mit ihrer Umgebung kann man nicht kündigen. In den letzten sieben Tagen, die vergangen waren, nachdem mir mein Chef eröffnet hatte, mir solle gekündigt werden, gelangen mir entscheidende Aufschübe. Denn auf einmal hat die Gegenseite keine festen Hebelpunkte mehr, die mich hinauskatapultieren sollen aus dem grauen Büro-Zweckbau im Münchner Umland. Doch dafür muss ich weiterhin samtpfotig verschwunden bleiben. Ein kurzes Aufblitzen meiner Konturen kann im Zweifelsfall ein sofortiges Entfernen bedeuten.
Der Profi-Pendler erkennt schnell, wie leicht man in einer großen Masse aufgehen kann. Stündlich ergießt sich an großen Umsteigebahnhöfen ein Menschen-Brei über die Rolltreppen und fließt zäh zwischen S- und U-Bahnen hin und her. Die Kunst ist es, sich dieser Masse bis zur Selbstaufgabe anzupassen; eins mit ihr zu werden wie eine kleine Makrele in einem großen Schwarm. Nützliche Hilfsmittel sind je nach Wetterlage Sonnenbrille oder schwarze Lederhandschuhe, weil sie Augen und Hände, also zwei wichtige, aussagekräftige Teilbereiche der physischen Identität eines jeden Menschen abdecken. Dazu noch ein ipod in die Ohren zum Sinnesverschluss und schon kann das Verschwinden für normale Menschen ohne besonders exaltierten Kleidungsstil oder hervorstechende, physische Merkmale beginnen.
Verschwundene Menschen sind nicht hilfreich, wenn Fakten geschaffen werden sollen, denn Leuten, die ganz eins sind mit ihrer Umgebung kann man nicht kündigen. In den letzten sieben Tagen, die vergangen waren, nachdem mir mein Chef eröffnet hatte, mir solle gekündigt werden, gelangen mir entscheidende Aufschübe. Denn auf einmal hat die Gegenseite keine festen Hebelpunkte mehr, die mich hinauskatapultieren sollen aus dem grauen Büro-Zweckbau im Münchner Umland. Doch dafür muss ich weiterhin samtpfotig verschwunden bleiben. Ein kurzes Aufblitzen meiner Konturen kann im Zweifelsfall ein sofortiges Entfernen bedeuten.
Freitag, 9. April 2010
Fast zwei Jahre Profi-Pendler
Heute früh um 08:50 Uhr habe ich wie fast jeden Tag in den letzten zwei Jahren am U-Bahnhof meines Wohnorts in München die Bahn bestiegen. Es war ein neues Modell, ganz in blau und mit laut trötendem Alarm, der immer dann ertönte, wenn die Automatenstimme "Zurückbleiben bitte!" geschnurrt hat. Um 08:57 Uhr bin ich aus dieser blauen U-Bahn ausgestiegen. Mein Blick fiel wie immer auf die Digitaluhr an meinem Umsteigebahnhof, denn wie immer bin ich in den letzten Wagen eingestiegen, um wie immer keine wertvolle Zeit zu verlieren, die mich davon abhalten könnte, die Anschluß-S-Bahn, die mich zu meinem Arbeitsplatz bringt, zu verpassen. Um ca. 15:30 Uhr hat mein Chef heute mein Büro betreten. Mein Arbeitsplatz ist in einem zweckbauartigem Bürogebäude einer Firmenzentrale im Münchner Umland. Die Teppiche sind grau und die Wände direkt neben der Damentoilette wurden erst vor kurzem frisch gestrichen. Ungefähr um 15:34 Uhr wußte ich, dass mir betriebsbedingt gekündigt wird.
Termin bei der Personalabteilung, Betriebsrat, Anruf bei meinem Lebensgefährten, SMS an meinen Freundeskreis - die nächsten Schritte erledigte ich so routiniert, wie ich jeden Morgen in den vergangenen Jahren die Haltestellen ansteuerte. Ich zähle mich selbst zu den emotionalen Bauchmenschen. Wenn sich Gefühle in mir regen, dann sind sie echt. Trauer-Tränen, weihnachtsartige Vorfreude oder Wut, die einen alles andere vergessen lässt: All das ist mir genauso zueigen und Teil von mir selbst wie die Farbe meiner Haare oder die Form meiner Nase. Um ziemlich genau 16:00 Uhr öffneten sich S-Bahn-Türen und ihre Hydraulik klang in meinen Ohren wie ein tiefer, stoßartiger Seufzer. Ich stieg ein und in mir begann sich eine weiche, flatternde Erleichterung breit zu machen. Um 16:26 Uhr stieg ich aus der S-Bahn und entschloß mich, ein kleines Stück bis zur nächsten Haltestelle zu laufen. Den ganzen Weg lang habe ich gegrinst wie frisch verliebt und hatte einen federnden Gang, den ich mit kleinen Hüpfern unterstrich.
Die unzähligen Fahrten vorher gab ich oft ein ganz anderes Bild ab: Müde, traurige Augen, die die Tränen manchmal nur mit Mühe zurückhalten konnten. Schmerzende, verspannte Schultern, die zu lange in Hab-Acht-Stellung am Computer angespannt waren. Eine Seele, die nach beruflicher Anerkennung gedürstet hatte wie ein Reisender in der Wüste. Und ein Kopf, der sich mit langen, endlosen Frageschleifen beschäftigte und zwar immer gerne dann, wenn man nicht mehr im Büro aber auch noch nicht ganz zuhause war. Woran liegt es, dass ich mich so unheimlich unwohl fühle? Habe ich bei dem Gespräch mit meinem Chef richtig reagiert oder müsste ich diplomatischer sein? Stelle ich zu hohe Ansprüche an das, was meinen Beruf darstellen soll? Die Fahrzeit, die ich werktäglich unterwegs bin, ergibt bei mir ziemlich genau sechzig Minuten quälendes Frage-Bombardement.
Aber vielleicht war ich ja genau am richtigen Ort; der öffentliche Personen-Nahverkehr ist bei genauer Betrachtung ein Transportmittel voller opernartiger, überkochender Emotionen. Schon mal die U6 aus Fröttmanning benutzt, nachdem TSV 1860 München ein Spiel gewonnen hatte? Schon mal bei der Haltestelle Flughafen München Besucherpark begonnen, in die Gesichter allein Reisender zu sehen? "Wann kommt denn endlich die S-Bahn?" oder "Ich muss echt rennen, sonst verpasse ich noch den Bus." sind nur zwei von unsagbar vielen, möglichen Gefühlsregungen, die ihren Platz tagtäglich im öffentlichen Personen-Nahverkehr finden. Und da gilt nicht nur für München, sondern auch für Berlin, Hamburg, Budapest, Paris, New York, Tokio ...
Termin bei der Personalabteilung, Betriebsrat, Anruf bei meinem Lebensgefährten, SMS an meinen Freundeskreis - die nächsten Schritte erledigte ich so routiniert, wie ich jeden Morgen in den vergangenen Jahren die Haltestellen ansteuerte. Ich zähle mich selbst zu den emotionalen Bauchmenschen. Wenn sich Gefühle in mir regen, dann sind sie echt. Trauer-Tränen, weihnachtsartige Vorfreude oder Wut, die einen alles andere vergessen lässt: All das ist mir genauso zueigen und Teil von mir selbst wie die Farbe meiner Haare oder die Form meiner Nase. Um ziemlich genau 16:00 Uhr öffneten sich S-Bahn-Türen und ihre Hydraulik klang in meinen Ohren wie ein tiefer, stoßartiger Seufzer. Ich stieg ein und in mir begann sich eine weiche, flatternde Erleichterung breit zu machen. Um 16:26 Uhr stieg ich aus der S-Bahn und entschloß mich, ein kleines Stück bis zur nächsten Haltestelle zu laufen. Den ganzen Weg lang habe ich gegrinst wie frisch verliebt und hatte einen federnden Gang, den ich mit kleinen Hüpfern unterstrich.
Die unzähligen Fahrten vorher gab ich oft ein ganz anderes Bild ab: Müde, traurige Augen, die die Tränen manchmal nur mit Mühe zurückhalten konnten. Schmerzende, verspannte Schultern, die zu lange in Hab-Acht-Stellung am Computer angespannt waren. Eine Seele, die nach beruflicher Anerkennung gedürstet hatte wie ein Reisender in der Wüste. Und ein Kopf, der sich mit langen, endlosen Frageschleifen beschäftigte und zwar immer gerne dann, wenn man nicht mehr im Büro aber auch noch nicht ganz zuhause war. Woran liegt es, dass ich mich so unheimlich unwohl fühle? Habe ich bei dem Gespräch mit meinem Chef richtig reagiert oder müsste ich diplomatischer sein? Stelle ich zu hohe Ansprüche an das, was meinen Beruf darstellen soll? Die Fahrzeit, die ich werktäglich unterwegs bin, ergibt bei mir ziemlich genau sechzig Minuten quälendes Frage-Bombardement.
Aber vielleicht war ich ja genau am richtigen Ort; der öffentliche Personen-Nahverkehr ist bei genauer Betrachtung ein Transportmittel voller opernartiger, überkochender Emotionen. Schon mal die U6 aus Fröttmanning benutzt, nachdem TSV 1860 München ein Spiel gewonnen hatte? Schon mal bei der Haltestelle Flughafen München Besucherpark begonnen, in die Gesichter allein Reisender zu sehen? "Wann kommt denn endlich die S-Bahn?" oder "Ich muss echt rennen, sonst verpasse ich noch den Bus." sind nur zwei von unsagbar vielen, möglichen Gefühlsregungen, die ihren Platz tagtäglich im öffentlichen Personen-Nahverkehr finden. Und da gilt nicht nur für München, sondern auch für Berlin, Hamburg, Budapest, Paris, New York, Tokio ...
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